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Reibungslos
Günther Grass und Willy Brandt. Bild: ruprecht

Reibungslos

Mit seinen politischen Ansichten polarisierte Günter Grass zu Lebzeiten: Darf, soll, muss Literatur politisch sein?

PRO

„Ernst ist das Leben, heiter die Kunst“ – Sobald ein Text politische Aussagen tätigt und sich zugleich als literarisch zu erkennen gibt, ist Vorsicht geboten: Es könnte sich dabei um einen Taschenspielertrick handeln. Günter Grass bedient sich mit „Was gesagt werden muss“ zunächst eines Kunstgriffs, indem er explizite politische Aussagen in Gedichtform vorträgt. Damit allein tut er nichts Neues: Poetry-Slam kann das auch.

Wer die Autonomie der Kunst behauptet, muss sich fragen, inwieweit Kunst ein Feld für die Äußerung dessen sein darf, was man sich nur in einer vom eigenen Selbst in Distanz gebrachten Form zu äußern traut. Vielleicht, weil es anstößig ist, sozial geächtet – und außerhalb eines geschützten Raumes also einen Tabubruch bedeuten würde. Grass reflektiert diesen Tabubruch in seinem Gedicht und löst zugleich die Distanz zwischen Autor und lyrischem Subjekt. Das kann als seine höchstpersönliche Emanzipation von gesellschaftlichen Erwartungen verstanden werden, gewissermaßen ein Outing, das er spät vollzieht: „gealtert und mit letzter Tinte.“ Doch in welcher Sphäre? Der Ästhetischen? Der Politischen? Oder gar in beiden?

Dass der Schutzraum der Kunst eine schöngeistige Modellvorstellung ist, wird spätestens an solchen Autoren deutlich, die unter Pseudonymen publizieren. Ob Literatur zugleich politisch und Kunst sein darf, setzt natürlich voraus, dass man eine solche Identität an sich für denkbar befindet. Vielleicht kann Literatur nur politisch sein, indem sie diese Unmöglichkeit reflektiert und den definitorischen Knoten in einem Kunstgriff auflöst, der jegliche Mündigkeit bewahrt. In jedem Fall tut sich ein Fenster für Kommunikation auf, für Ausdruck – und Ausdruck, darum geht es. Als Option ist er Basis von Freiheit.

von Raphael Ostarek

 

 

CONTRA

„Was gesagt werden muss“: Der primäre Auftrag von Literatur ist das künstlerische Schaffen. Kunst ist und soll inhaltlich frei sein und nicht den Anspruch haben, stets zu politischen Themen Stellung nehmen zu müssen. Artikuliert ein Literat seine politische Meinung in seinem Werk, missbraucht er die Literatur zum persönlichen politischen Sprachrohr. Dann wird der Künstler zum Demagogen. Oder das künstlerische Werk zum politischen Manifest. Die Literatur bildet keine Bühne für polemische Ausrufe von Autoren, die im politischen Diskurs mal wieder gehört werden möchten.

Grass’ Israel-Gedicht polarisiert, schürt Vorurteile und reißt tiefe Gräben in eine schwierige Diskussion. Es steht natürlich außer Frage, dass gemäßigte oder ausgeglichene Meinungen im politischen Diskurs eine weitaus geringere Aufmerksamkeit erfahren dürften. Wer würde Grass’ Gedicht lesen, wenn es einen moderaten Ton über die israelische Sicherheits- und Siedlungspolitik anschlüge? Der Anspruch der Autoren darf nicht sein, ihre Meinungen der medialen Aufmerksamkeit wegen äußern zu müssen.

Um ihrer Aufgabe gerecht zu werden, nämlich freiheitlich-künstlerisch Wert zu schaffen, bedarf es eines maßvollen, wenn nicht gar minimalen Einsatzes politischer Argumentation. Ein gesellschaftskritischer Rahmen oder politische Metaphern sind zweifellos legitime Stilmittel, wenn sie denn die kritische Distanz wahren. Nur die Selbstbegrenzung des Autors kann die Unabhängigkeit und Distanz zum Betrachter des Werkes garantieren. Wenn kritische Fragen nicht polemisch-vereinnahmend sind, entfalten literarische Werke ihren Sinn und werden zu Kunst. Und Kunst gibt dem Betrachter jeden Raum zur eigenen Reflexion.

von Simon Gerards-Iglesias

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