Unser Redakteur berichtet von Oppositionellen und studentischer Revolte in Indiens Hauptstadt
Die Jawaharlal Nehru University (JNU) in Neu-Delhi wurde 1969 gegründet und nach dem Unabhängigkeitskämpfer und ersten Premierminister Indiens, Jawaharlal Nehru, benannt. Ihr Campus ist ein ganz besonderer Ort: Meine indischen Kommiliton:innen in Heidelberg erzählen, dass man dort auf dem Weg zu Vorlesungen auf Nilgauantilopen oder Goldschakale treffe. Also entscheide ich mich, meine Zeit in Neu-Delhi zu nutzen, um mir den Campus anzusehen.
Die langen und gewundenen Straßen auf dem JNU-Gelände sind von dichtem Wald umgeben. Stellenweise begegnet man keinem einzigen Menschen und vergisst, dass man sich auf einem Universitätsgelände befindet und nicht in einem großen Nationalpark. Ich begebe mich zu den Parthasarathy Rocks, die zu den Aravalli-Hügeln gehören: Staubiger Boden, vereinzelte Sträucher, Steine und in der Ferne Bäume. Die Landschaft erinnert mich an biblische Szenen und ich habe das Gefühl, dass gleich einer der Büsche zu brennen anfängt. Die idyllische Lage der JNU steht im starken Kontrast zu ihrer turbulenten Vergangenheit als Schauplatz der Auseinandersetzung zwischen verschiedenen politischen Kräften Indiens.
Aufgrund historischer Verbindungen zur indischen Linken gilt die JNU noch heute als Heimat für progressive Intellektuelle. So war Sitaram Yechury, der Vorsitzende der Jawaharlal Nehru University Students’ Union in den späten 1970ern, gleichzeitig Mitglied der Communist Party of India (Marxist). Bekannt wurde er als Oppositioneller und politischer Gefangener während des Zeitraums von 1975 bis 1977, der als The Emergency bezeichnet wird. Ausgelöst wurde dieser von Premierministerin Indira Gandhi, der Tochter Nehrus, als sie einen nationalen Notstand ausrief, Oppositionelle verhaften ließ, die Pressefreiheit durch Zensur einschränkte und zentralistisch per Dekret regierte. Bevor Yechury verhaftet wurde, war er aktiv am Widerstand gegen Gandhi beteiligt. Neben bedeutenden politischen Akteur:innen gehören auch Forscher:innen wie Abhijit Banerjee, der gemeinsam mit seiner Ehefrau Esther Duflo 2019 den Nobelpreis für Wirtschaftswissenschaften erhielt, zu den Absolvent:innen der JNU.
Die politische Ausrichtung der JNU ist auch heute noch auf dem Campus im Süden von Neu-Delhi spürbar. So befindet sich eine Buchhandlung des Verlags People’s Publishing House direkt neben der Universitätsbibliothek. Zentral platziert am Eingang der Buchhandlung liegen Bücher zu Palästina. Im Laden selbst stapeln sich Werke von Lenin, Marx und Trotzki. Man findet dort aber auch klassische russische Autor:innen wie Dostojewski, während Russian for Indians Leser:innen mit dem Versprechen lockt, die russische Sprache zu meistern. Letzteres wurde vom emeritierten Professor Hem Chandra Pande verfasst, der an der JNU lehrte. Die Studierenden der JNU und ihr politisches Engagement spielen nicht nur an der Universität selbst, sondern auch im heutigen gesellschaftlichen Diskurs eine große Rolle. 2023 sollte an der JNU der in Indien kontrovers diskutierte BBC-Dokumentarfilm India: The Modi Question öffentlich vorgeführt werden. Der Film setzt sich unter anderem mit Narendra Modi, der seit 2014 Indiens Premierminister ist, und seiner Amtszeit als Chief Minister des Bundesstaates Gujarat auseinander.
2002 kam es in Gujarat zu Gewalt zwischen Hindus und Muslimen – Ausschreitungen, die mehrere tausende Opfer forderten. Die indische Regierung verbot den Film und bezeichnete ihn als feindselige Propaganda. Der Regierung zum Trotz wollten die Studierenden der JNU eine Filmvorführung organisieren, was jedoch von der Universität unterbunden wurde, indem sie, laut den Studierenden, Strom und Internetzugang auf dem Campus abschaltete. Als es doch zu einer Vorführung kam, gaben die Organisator:innen an, andere Studierende der JNU hätten die Anwesenden mit Steinen beworfen. Identifiziert wurden diese als Mitglieder einer Studierendenorganisation, die zum einflussreichen hindunationalistischen und regierungsnahen Rashtriya Swayamsevak Sangh-Netzwerk gehört. Dies führte zu Protesten und einem langwierigen Aufarbeitungsprozess.
Zurück auf dem JNU-Gelände suche ich nach Tieren. Leider habe ich kein Glück; ich muss also bei meinem nächsten Indienbesuch nach flauschigen Campus-Bewohner:innen Ausschau halten.
Von Seraphim Kirjuhin
...studiert (noch) am Südasien-Institut moderne indische Geschichte und Anthropologie, begeistert sich für Politik, stöbert gerne in seiner Lieblingsbuchhandlung in der Plöck und hat sein Herz in Heidelberg verloren. Beim ruprecht ist er seit 2025.







