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Wenn sonst keiner da ist

Wenn sonst keiner da ist

Das erste studentische Zuhörtelefon in Deutschland wurde in Heidelberg gegründet. Es hat heute so viele Anrufer wie noch nie.

Ein schwach beleuchtetes Zimmer, eine Person von hinten vor einer leeren Wand stehend, ein Lampenschirm. Das sind die Bilder, die vielen seit Beginn des Studiums an verschiedensten Orten begegnen, ob zwischen all den anderen Aushängen in der Mensa oder an der Toilettentüre. Darunter geschrieben: „Nightline. Wir hören zu“. Nicht wenige haben sich bestimmt schon mindestens einmal gefragt, was hinter der Telefonnummer steckt. Wer sitzt auf der anderen Seite, worüber spricht man am Telefon, bleibt der Anruf wirklich anonym?
Gegründet wurde das Zuhörtelefon Nightline vor knapp 20 Jahren, als eine Heidelberger Studentin nach einem Auslandsaufenthalt in Cambridge die dort aufgeschnappte Idee eines Zuhörtelefons von Studenten für Studenten importierte. Damit war sie Vorreiterin in ganz Deutschland und ist die älteste ihrer Art. Nachahmerprojekte finden sich in Städten wie Köln, Münster oder Potsdam.

Im Heidelberg arbeiten zurzeit 35 ehrenamtliche Mitglieder, die meisten sind Studenten, aber ein paar Doktoranden sind auch dabei. Denn eine Voraussetzung für die Mitarbeit ist das Nachgehen einer Ausbildungsaktivität an der Universität. „35 ist eine ganz gute Zahl, da kommen wir pro Person auf sechs Dienste pro Semester“, meint Tania (Name von der Redaktion geändert), die sich schon seit fünf Jahren ehrenamtlich als Nightlinerin engagiert. Dienst heißt von 21 bis 2 Uhr den Sorgen und Nöten von Studenten aus ganz Heidelberg zuzuhören. Damit hört die Arbeit nicht auf. Bei der Nightline, die als Verein eingetragen ist, hat jeder Mitarbeiter ein spezielles Amt wie Statistik, Presse, Werbung oder Sponsoring. Hinzu kommen zwei bis drei Vereinssitzungen pro Semester, in denen das weitere Vorgehen diskutiert und basisdemokratisch beschlossen wird.
Ausgebildet werden die Nightline-Mitarbeiter im Rahmen eines Wochenendseminars, das pro Semester einmal stattfindet. Unter Anleitung von Psychologen werden vor allem Gesprächstechniken geübt und gefestigt. Die Mitarbeiter von Nightline erhalten dabei aber keine professionelle psychologische Schulung. „Es gibt Themenbereiche, bei denen uns klar sein muss, dass wir dafür nicht explizit ausgebildet sind“, betont Tania.

Auf die Frage nach der persönlichen Motivation erklärt sie: „Ich wollte etwas Soziales machen und bin sowieso ein Nachtmensch.“ Bei ihrer Kollegin sieht es ähnlich aus: „Ich wollte mich neben dem Studium sozial engagieren. Jeder hat Mal einen Tag, an dem er besonders viel Stress hatte, an dem etwas vorgefallen ist und die Freunde hat er schon so voll gequatscht oder möchte es ihnen nicht erzählen. Der Gedanke ist sehr schön, dass wir da sind, wenn andere nicht mehr zuhören wollen.“ Ob der Freundeskreis von ihrer Arbeit weiß? „Meine Eltern und Mitbewohner wussten lange nicht, dass ich bei der Nightline bin“, meint Tania. Ein weiterer Grund für die Verschwiegenheit ist, dass demjenigen, der über die Arbeit eines Bekannten bei der Nightline Bescheid weiß, die Chance genommen wird, selbst anrufen zu können. Prinzipiell ist das Credo: so viel Anonymität wie möglich. Das geht so weit, dass alle Mitarbeiter eine Schweigepflichtserklärung unterschrieben haben, die verbietet, mit Personen außerhalb des Vereins über ihre Arbeit zu sprechen. Selbst innerhalb des Vereins weiß niemand über die Gesprächsdetails der anderen Mitarbeiter. Wenn Kommunikationsbedarf besteht, werden abstrahierte Intervisionsfälle mit Psychologen durchgegangen. Ausnahmen von der Schweigepflicht nach außen werden nur in Extremfällen gemacht, wie bei einem geplanten Mord oder Terroranschlag. Dann muss nämlich die Polizei verständigt werden, was bisher zum Glück nur ein Gedankenspiel war.

Den durchschnittlichen Nightline-Anrufer beschäftigen dieselben Themen wie uns auch, zum Beispiel: Mein Freund schenkt mir nicht genug Aufmerksamkeit, ich will meinen Eltern nicht sagen, dass ich mit dem Studienfach nicht zufrieden bin oder bin unglücklich in meiner WG. „Es sind nur teilweise rein universitäre Themen dabei, die Hauptkonflikte sind eher zwischenmenschlich“ meint Tania. Auch extremere, aber seltenere Fälle wie Missbrauch oder ungewollte Schwangerschaft kommen vor. Allerdings lassen sich schlecht Aussagen über die Häufigkeit bestimmter Themen treffen, da in der Statistik nur die Gesprächsdauer und das Geschlecht verzeichnet sind. In den letzten Jahren sind die Anrufe deutlich gestiegen. Ob das an einer größeren Präsenz in den Köpfen der Studenten durch Werbung und Flyer liegt oder mit dem höheren Lernaufwand seit Einführung des Bachelor-Master-Systems zu tun hat, weiß niemand genau. „Ich kann persönlich nicht bestätigen, dass mehr Unistress schuld daran ist.“

Im Gespräch selbst werden keine konkreten Ratschläge und Tipps gegeben, sondern wird vielmehr zugehört. Zusammen mit dem Anrufer wird versucht, das Problem zu lösen, was besonders vielversprechend ist, da der Nightliner als Student auf gleicher Augenhöhe steht und doch vorurteilsfrei die Lage beurteilen kann. Es ist ein Zuhörertelefon, kein Seelsorgetelefon. „Wir hören für den Moment zu. Dem Anrufer ist bis zu einem gewissen Grad klar, was unser Angebot ist und dass wir nicht eine psychologische Beratungsstelle sind.“ Falls der Anrufer Beratungsbedarf haben sollte, vermittelt ihn der Nightliner nach Wunsch an eine psychologische Beratungsstelle weiter.

von Monika Witzenberger

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