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Land der Gegensätze
Hochhaussiedlung und Favela Rocinha. Bild: Antonia Felber

Land der Gegensätze

Fußball, Samba, Caipirinha – Brasilien steht für Lebensfreude. Die Proteste vor der FIFA-Weltmeisterschaft haben ein abweichendes Bild gezeichnet. Wie geht es nun weiter?

Wer Rio zum ersten Mal besucht, lässt sich leicht vom Schein einer aufstrebenden Nation blenden. Vor und hinter den blanken Fassaden von Copacabana und Ipanema genießt die Mittel- und Oberschicht das pralle Leben – doch ein Blick auf die hinter den Nobelvierteln aufragenden Hügel lässt ahnen: Verlässt man diese Komfortzone, sieht alles schnell ganz anders aus.
An den Hängen der „Morros“ kleben „Favelas“ – Armutsviertel, benannt nach einer brasilianischen Kletterpflanze. Wer in den Hochhäusern am Strand ein Appartment bewohnt, hat meist noch nie eine Favela von innen gesehen. Zwar hat sich hier in den vergangenen 20 Jahren einiges getan: im großangelegten Programm „Favela-Bairro“ sollten die Elendsviertel zu regulären Stadtvierteln werden. 1992 wurde die 200  000 Einwohner zählende Favela „Rocinha“ (siehe Bild) offiziell zum Bairro erklärt. In Vorbereitung auf die Fußball-Weltmeisterschaft 2014 wurden die Favelas systematisch von Polizei und Militär durchkämmt, Mafia-Clans aufgelöst und Drogenbosse gestürzt. Seither gelten die stadtnahen Armutsviertel als „befriedet“. Hier werden Umsiedlungsversuche vorgenommen, da die Hanglagen wegen ihrer atemberaubenden Aussicht über die einzigartige Landschaftskulisse von Rio begehrt sind. Erste Gentrifizierungskonflikte treten auf.
Die grundlegenden Probleme wurden mit dem rabiaten Vorgehen jedoch nicht behoben. Die extreme ökonomische und soziale Ungleichheit nötigt viele Brasilianer, ein Leben außerhalb der Legalität zu führen. Vor einem Jahr kam es bei einem zweitägigen Polizeistreik im WM-Austragungsort Salvador zu schweren Ausschreitungen und Plünderungen, 39 Menschen starben. In vielen Großstädten ist das Überfahren roter Ampeln nachts erlaubt – Stehenbleiben wäre zu gefährlich. Selten kehren Touristen aus dem größten Land Südamerikas zurück, ohne eine Begegnung mit Kriminellen gemacht zu haben. So fiel auch ein Teil des Bildmaterials zu diesem Artikel einem Raubüberfall zum Opfer.
In Brasilien ist man zwar stolz auf „Farbenblindheit“, aber die Statistiken sprechen für sich: Farbige und Indios sind weniger gebildet als Weiße, verdienen schlechter, können sich Arztbesuche häufig nicht leisten und sterben früher. In der ethnisch extrem durchmischten Gesellschaft ist Rassismus in den Köpfen der Menschen so tief verankert, dass sogar die Selbstwahrnehmung davon beeinflusst wird: Studien ergaben, dass Personen mit höherem gesellschaftlichen Status sich eher als „weiß“ einstufen.

Die brasilianische Politik ist in mancher Hinsicht unausgegoren. Schwache Parteien ohne ideologisch fundierte Programme bilden kurzlebige Koalitionen, Gesetze können nur durch Absprachen verabschiedet werden. Viele kleine Parteien und Korruption führen zu einer politisch sehr instabilen Lage und einer zum Nichtstun verdammten Verwaltung. Seit 2003 regiert die linke Arbeiterpartei Partido dos Trabalhadores (PT). Zunächst war der beim Volk beliebte Präsident Lula da Silva, genannt „Lula“, an der Macht. Seither scheint einiges aufwärts zu gehen – die Inflation stabilisierte sich (wenn auch auf erhöhtem Niveau), die Wirtschaft wurde angekurbelt, es kam zum Aufstieg einer neuen Mittelschicht. Internationale Beziehungen wurden als Teil einer politischen Strategie ausgebaut, auch indem „Megaevents“ wie die FIFA-WM 2014 oder die Olympischen Sommerspiele in Rio de Janeiro 2016 ins Land geholt wurden. Doch ein marodes System erholt sich nicht so schnell. Lula musste sich mit seiner Parteiführung Korruptionsvorwürfen stellen, die nicht ausgeräumt wurden und auch seine Nachfolgerin Dilma Rousseff, die seit 2011 in Brasilia regiert, kämpft gerade mit einem Skandal um jahrelange Schmiergeldzahlungen an korrupte Manager des halbstaatlichen Ölkonzerns Petrobras sowie an die PT und ihre Koalitionspartner.
Dass Brasilien in der internationalen Öffentlichkeit als leistungswilliges Land wahrgenommen wird, das in der Weltwirtschaft eine immer gewichtigere Rolle spielt, erzeugt Erwartungen in der Bevölkerung. Die extremen Unterschiede in der Einkommens- und Vermögensverteilung sorgen allerdings dafür, dass nur Wenige vom Aufstieg des südamerikanischen Riesen profitieren.
Zu Beginn des FIFA Confederations Cup im Juni 2013, der organisatorischen Generalprobe für die Weltmeisterschaft im darauffolgenden Sommer, kam es zu einer ersten Welle sozialer Proteste. Wachsende Kritik an den ungleichen Lebensbedingungen wurde laut, ausgelöst durch die Fahrpreiserhöhungen im öffentlichen Nahverkehr. Man protestierte gegen die Ausgaben von circa 86 Milliarden US-Dollar im Zusammenhang mit der Fußball-WM und den Olympischen Spielen und forderte stattdessen einen Ausbau der allgemeinen Infrastruktur sowie Investitionen in Bildung und Gesundheit. Die Bereitstellung der Fußballstadien für die WM kostete in Brasilien mehr als doppelt so viel wie 2006 in Deutschland, wurde aber hauptsächlich aus öffentlicher Hand finanziert, während hierzulande private Investoren herangezogen wurden.

Die Unruhen wurden brutal niedergeschlagen, es gab Tote und Verletzte. Während der Weltmeisterschaft zeigte sich Brasilien wieder von seiner Sonnenseite – was bei uns kaum durchsickerte: jeder Ansatz von Protesten wurde durch massiven Einsatz von Polizei und Militär im Keim erstickt. Was bleibt übrig von der Weltmeisterschaft? Am Max-Weber-Institut für Soziologie (MWI) der Universität Heidelberg fand im Januar ein Seminar zum Thema „Brasilien nach der WM – Soziale Ungleichheit und Wirtschaftsorganisationen“ statt. Leiterin war die gebürtige Brasilianerin Elizangela Valarini, die als wissenschaftliche Mitarbeiterin in einem internationalen Projekt am MWI forscht. Sie findet, dass Brasilien noch nicht reif war, die Fußball-Weltmeisterschaft auszutragen: „Die Brasilianer waren der WM gegenüber zunächst positiv eingestellt. Man erhoffte sich mehr Jobs, eine Verbesserung der Infrastruktur und die Ankurbelung einzelner Wirtschaftszweige durch den Tourismus. Jedoch wurde manche Erwartung enttäuscht, viele Baustellen sind bis heute nicht fertiggestellt.“ Es bleibt eine saftige Rechnung für die nach modernsten Ansprüchen konstruierten Stadien, der Bundesstaat Amazonas wird in den nächsten 20 Jahren seine Schulden für den Bau des Stadions in Manaus abstottern. Ein Stadion, das mit seinen über 44  000 Plätzen nach der WM kaum sinnvoll genutzt werden kann, da Manaus‘ höchstklassiger Verein in der dritten Liga spielt.
Nicht nur fußballerisch zieht Brasilien also eine ernüchternde Bilanz aus dem Event, doch eines hat es auf jeden Fall gebracht: Es bewegt sich was in diesem Land. Die Proteste vor der WM waren über soziale Medien und unabhängig von Parteien organisiert; sie entstanden aus einem sozialen Druck heraus und müssen nun konkretisiert werden.
Erste Erfolge sind bereits zu verzeichnen: So verhinderte man die Verabschiedung eines Gesetzes, welches Politikern quasi komplette Immunität verschafft hätte. Außerdem wurde ausländischen Ärzten eine Arbeitserlaubnis verschafft, was den regionalen Ärztemangel beheben soll. Amtsenthebungsverfahren dürfen in Zukunft nicht mehr geheim abgestimmt werden. Es ist noch ein weiter Weg zu gehen, um der brasilianischen Justiz, Politik und Polizei den Filz auszutreiben. Was Valarini sagt, steht für die Hoffnung einer Nation: „Die Gesellschaft will Veränderung – hoffentlich erreichen wir sie.“

von Antonia Felber

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