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In Gesellschaft von Keimlingen
Das Collegium Academicum in der Plöck. Bilder: Jonas Peisker

In Gesellschaft von Keimlingen

Das „Collegium Academicum“ wohnt etwas anders. Elf Studierende ziehen in ihrer Wohnung Lauch und andere Pläne groß.

Am Ende der Plöck liegt das selbstverwaltete Wohnheim, in dessen Hof in einem Beet eine Buddhastatue neben Tüten mit leeren Bierbüchsen steht. Mit der eher bürgerlich anmutenden Altstadt-Treppe folgt man auch einer Foto-Ausstellung mit Motiven aus Taiwan nach oben zu den drei Wohnungen: gemütlich, gemütlicher und – oh Gott, man möchte sofort einziehen. Dieses Glück beschert das selbstverwaltete Wohnheim des „Collegium Academicum“ Studierenden bereits seit 1985. Der Verein gründete sich als Nachfolger des legendären selbstverwalteten Wohnheims im heutigen Carolinum – seinerzeit Epizentrum studentischer Lebensfreude.

Über der Spüle der heutigen WG verkündet ein Schild, das Erklimmen des Geschirrbergs sei verboten. Auf der Fensterbank keimen Lauchknollen in Gläsern vor sich hin. Hier lebt sie wohl immer noch, die archetypische Studierendenschaft – kritisch, kreativ im Denken und in der Küche etwas unordentlich – von denen ein Bewohner später sagen wird, es sei schade, dass diese gar keinen gesellschaftlichen Einfluss mehr habe.

Eigentlich müsste gerade diese WG solche Aussagen nicht auf sich sitzen lassen. Nicht nur sind die Aktivitäten der Bewohner eine nahezu komplette Liste der ökologischen, politischen, intellektuellen Initiativen in Heidelberg, auch von zuhause werden jede Menge Projekte gestartet: kleinere und größere Ausstellungen, Vorträge und Konzerte etwa. „Wenn du neue Ideen hast, irgendetwas ausprobieren möchtest, gibt es hier immer jemanden, der mitzieht“, verkündet Franzi. Neben ihr meint Johanna: „In meiner vorherigen WG habe ich mich mit den Leuten auch total gut verstanden, aber das Politische hat mir dort echt gefehlt.“

Die Tatsache, dass jeder etwas anderes studiere, bereichere die zahlreichen Diskussionen enorm. Auch während unseres Gespräches herrscht nicht immer Einigkeit, auch nicht darüber, was dem Haus am Zusammenleben besonders wichtig ist. „Doch, da haben wir teilweise sehr unterschiedliche Positionen!“, sagt Maggie energisch zu einem ihrer Mitbewohner. Eine Zweck-WG, in der die hitzigste Diskussion über das vernachlässigte Putzen der Wohnung geführt wird, ist dies nicht, das wird schnell klar. Man will miteinander leben, nicht nebeneinander. Zwar lebe man damit vielleicht in einer Blase, ihren Partys gibt die Gemeinschaft dafür aber eine selbstbewusste 9,5 von 10.

Das jüngste Baby des „Collegium Academicum“ soll mal ziemlich groß werden: Geplant wird zur Zeit die Einrichtung eines Wohnheims für 200 Studierende auf der Fläche der Patton Barracks. Dort sollen nicht nur mehr selbst verwalteter Wohnraum, sondern auch Ateliers, Grünflächen, ein Reparatur-Café und Veranstaltungsräume entstehen. Die Engagierten hoffen, damit neuen Freiraum in die Heidelberger Enge zu schaufeln, von dem es ihnen im Moment noch zu wenig gibt.

Das Projekt prägt auch das Zusammenleben in der Plöck. Einmal die Woche versammelt man sich, bei schönem Wetter im Hof, und diskutiert die Fortschritte des Plans. Wird außergewöhnliches Engagement da zum Imperativ? Wer zu den Treffen nicht erscheint, müsse zwar eigentlich den Bio-Mülleimer putzen, tatsächlich gemacht habe das aber noch nie jemand.

von Hannah Bley

WG gesucht

Ob draufgängerische Kommune oder Gemeinschaft von Bundfaltenfans – nirgendwo gedeiht das studentische Leben prächtiger als in den Biosphären von WGs. Der ruprecht wird für die nächsten Ausgaben bei Heidelberger Wohngemeinschaften klingeln. Kennt ihr außergewöhnliche, spannende oder besonders urige WGs oder seid gar selbst Teil von einer? Dann schreibt uns: post@ruprecht.de

Teil 2 der Serie „An die Tür geklopft“ findet ihr hier.

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