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Pro: Brauchen wir Selfies?
Ulrich Blanché, Dozent am kunsthistorischen Seminar der Universität Heidelberg und beschäftigt sich unter anderem mit Konsumkunst. Foto: Privat

Pro: Brauchen wir Selfies?

Affen schießen Selbstportraits, russische Verbraucherschützer warnen vor Lausbefall durch exzessive Selfiekultur. Selfies begegnen uns dieser Tage überall. Was ist davon zu halten?

Wem gehört das Foto, wenn ein Affe im Dschungel sich die Kamera eines Fotografen schnappt und munter Selfies schießt? So geschehen 2011 in Indonesien.
Ein Selfie ist eine Sonderform des amateurfotografischen Selbstportraits, oft digital mit einem Handy aufgenommen, um in sozialen Netzwerken gepostet zu werden. Der Begriff wurde 2002 erstmals in einem australischen Internet-Forum verwendet; seine heutige Bedeutung – im doppelten Sinne des Wortes – hat „Selfie“ seit etwa 2012. Den Grund für die Verzögerung lässt sich technisch erklären. 2002 waren Handykameras selten und schlecht. Erst mit der Frontkamera setzte sich das Selfie durch. Jeder neuen Technik ihre Bildform.
Laut Techinfographics schießen mehr Frauen Selfies, das Durchschnittsalter der Fotografen liegt bei 23,7 Jahren (Quelle: selfiecity). Ein Selfie, oft von „digital na(t)ives“ geschossen, kann andere Personen enthalten (Gruppenselfie), etwa Freunde, Partner oder Stars. Taylor Swift: „Ich wurde nicht mehr nach einem Autogramm gefragt, seitdem das iPhone mit seiner Frontkamera erfunden wurde“. Eine populäre Selfie-Unterart ist das Hot Dog Legs Selfie. Hier ist nicht das Gesicht der Fotografierenden zu sehen, sondern lediglich Knie und Beine „in Szene gesetzt“. Dieses Pars Pro Toto etwa vor beneidenswertem Urlaubs-Setting gehört wie Food Porn zum demonstrativen Konsum: Schaut her wo ich wieder bin! Es gibt Nackt-Selfies (Nudies), Drelfies (Drunk Selfies) sowie Knutschemund-Selfies, Spiegel- oder Badezimmer-Selfies, oft mit blitzendem Fotoapparat im Bild.
Auf die Gefahren, Stichwort „Revenge Porn“, oder negativen Seiten (Chef googelt und findet peinliches Selfie) wurde oft hingewiesen. Wem jedoch helfen Selfies? Sie packen das „Selbstbild“ einer Person in ein Produkt, das man ihr so abkaufen und/oder kritisch hinterfragen kann. Selfies vermitteln Intimität. Stillschweigend akzeptieren wir, dass diese inszeniert ist, – etwa ein Drittel aller Selfies wurde zudem nachbearbeitet. Wir wollen unterhalten und verführt werden. Auch helfen Selfies, sich zu erinnern. Sie lösen etwa das Papier-Autogramm, die Ansichts- Postkarte, das Foto als Erinnerung für den Geldbeutel von Eltern, Oma, Partner, Freunden, oft auch die Papierzeichnung, die Notiz als Gedächtnisstütze ab. Das Phänomen Selfie unterstützt, dass wir bildkritischer werden. Wer gibt sich noch mit einem verwackelten, gelbstichigen Analogfoto mit abgeschnittenen Beinen oder Kopf zufrieden? Nur Bildkonsumenten, die dies ironisch-nostalgisch, auf jeden Fall bewusst tun (Stichwort Retrofilter), in erster Linie Spontanität feiern. Auch dieser wird Gott sei dank nachgeholfen – keiner möchte wissen, wie viele verwackelte schon vom Fotografen für hässlich erklärte Vorläuferbilder gelöscht wurden, aus wie vielen das Vorliegende ausgewählt wurde.
Selfies machen gefühlt unabhängiger vom fotografischen Blick der Anderen. Dieser Blick macht in Form von Passbildern unglücklich, auf denen man wie tot oder zur Fahndung ausgeschrieben dreinblickt. Selfies vergewissern uns, dass wir am Leben sind. Der Professor für Marketing und Social Media Bellamkonda schoss direkt nach seinem Flugzeugabsturz ein oft geteiltes Selfie, um sicher zu gehen, dass er noch lebt (auch wenn ich ihm aufgrund seines Berufs ein gewisses Kalkül – selbst in so einer Situation – unterstellen möchte). Viele Selfies von einer Person lassen uns deren Entwicklung im Zeitraffer erleben, schon die schiere Quantität an Fotos ist sehr „2014“. Als Video aus Einzelselfies werden die Augen in jedem Foto jeweils an derselben Stelle im Filmbild lokalisiert. Rund um die Augen sieht dann der Zuschauer das Gesicht des Selfie-Fotografen sich allmählich verändern. Das praktizierte schon der Filmemacher Bert Haanstra mit Rembrandts gemalten Selfies 1956, um eine aus kunsthistorischer Sicht heute zweifelhafte Einfühlung in die angebliche Person Rembrandt zu erschaffen.
Ob die eingangs erwähnte Selfie-Äffin wusste, was sie tat, als sie sich ablichtete, bleibt dahingestellt. Zumindest fachten ihre fotografischen Autoporträts eine Diskussion über die Rechte am eigenen Bild an. Gelungene und viel ge-like-te Selfies pushen das Ego, können etwa Selbstwertgefühl, aber auch Selbstironie und Humor verdeutlichen, oder dem Gegenüber zumindest eines vermitteln: was oder wie man gerne sein würde.

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