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Contra: Studieren auf Englisch
Hermann Dieter vom Arbeitskreis Deutsch als Wissenschaftssprache. Foto: Privat

Contra: Studieren auf Englisch

Im Zuge der Internationalisierung werden mittlerweile an vielen Universitäten in Deutschland Studiengänge ganz oder zum Teil auf Englisch angeboten. Heidelberg bildet hierbei (noch) eine Ausnahme. Sollte es auch hier in Zukunft mehr englischsprachige Veranstaltungen geben (siehe Umfrage)? Nein, sagt Hermann Dieter vom Arbeitskreis Deutsch als Wissenschaftssprache.

Befürworter englischsprachiger Studiengänge beteuern gerne, sie wollten Studienbewerbern aus dem Ausland sprachlich entgegenkommen und das Englisch aller Studenten verbessern helfen. Natürlich sind gute Englischkenntnisse unabdingbare Voraussetzung für akademische Berufe. Die Internationalisierung der Forschung und insbesondere der Lehre jedoch kann in „English only“ nicht gelingen, sondern nur (auch nach Aussagen von DAAD und HRK) durch differenzierte Mehrsprachigkeit. Nur sie ermöglicht den Erwerb interkultureller Kompetenzen, also Kenntnis und Achtung von Traditionen, Lebensweise, Alltagskultur, Sprache des Gastlandes. All dies verlangt ausdrücklich auch die Erklärung von Bologna.

Es ist auch nicht bewiesen, dass „English only“ den Zustrom ausländischer Studenten steigert. Immerhin sprechen die meisten von ihnen das Englische ebenfalls nur als Fremdsprache. Und wenn wir ihnen gar verwehren, Deutsch zu lernen oder es im Alltag (also auch im Studium) anzuwenden, grenzen wir sie aus. Derart frustriert, werden sie nach Rückkehr in ihre Heimat eine langfristige Bindung an unser Land, die ja auch uns zugute käme, nicht entwickeln. Und die beruflichen Perspektiven derer, die in Deutschland bleiben wollen, vermasseln wir ihnen mangels nachhaltiger Deutsch-Angebote.

Genuine Aufgabe der Lehre an den Hochschulen ist die Vermittlung wissenschaftlicher Inhalte, nicht die Verbesserung studentischer Englischkenntnisse. Studien haben sogar gezeigt, dass die Lehre nicht-anglophoner Dozenten auf Englisch meist an Qualität verliert. Die Aufnahme des Lehrstoffs leidet, die Anzahl bestandener Prüfungen sinkt, „nur“ deutschsprachig verfügbare Lehrinhalte verschwinden.

Besonders hart trifft letzteres anwendungsnahe Disziplinen mit regionalem oder kulturellem Bezug wie zum Beispiel Geographie, Ökologie, Forst- und Wasserwirtschaft, Verwaltungswissenschaften, Bauwesen, Hygiene und Gesundheitswissenschaften. Rein englische Lehre bildet deshalb nicht, sondern schult allenfalls für eng umschriebene Tätigkeiten in international agierenden Konzernen. Praktika in mittelständischen Unternehmen, die auf Deutsch als Betriebssprache angewiesen sind, fallen weg.

Eine exakte, inter- und transdisziplinär brauchbare Terminologie, die gesicherte Erkenntnis bündig auf den Begriff bringt, ist die Seinsbedingung wissenschaftlicher Erkenntnis und Kommunikation. Erkenntnis entsteht auch in der Naturwissenschaft weniger durch Messen und Beschreiben als durch die Generierung von Hypothesen und eindeutigen Begriffen. Dieser Prozess bedarf des inter- und transdisziplinären Diskurses als Korrektiv und Quelle produktiven Widerspruchs. Er lebt von der Vertrautheit alltagssprachlicher Bilder und deren intuitiver oder assoziativer Verfremdung. Erkenntnisleitend ist dabei die jeweilige Muttersprache als unersetzlicher Speicher kulturspezifischer Erfahrungshorizonte; Ergebnisse sind dann auch auf Englisch mitteilbar.

Eine Wissenschaft, die auf nur eine einzige (Fremd-)Sprache mit entsprechend einseitiger Begrifflichkeit setzt, entledigt sich von vornherein jeder ethischen, historischen, ökologischen, kulturellen und sozialen Einbettung und Perspektive. Dennoch fallen seit etwa zwei Jahrzehnten selbst in anwendungsnahen, kulturell oder regional bedeutsamen Fächern deutschsprachige Terminologien beschleunigt dem Vergessen anheim. Am Endpunkt angelangt, wäre das Ziel „Internationalisierung“ zwar immer noch nicht erreicht, doch unsere Landessprache für die wissenschaftliche Lehre und den inter- und transdisziplinären Diskurs verloren.

Fazit: Internationalität im Sinne von kulturellem Austausch und zivilgesellschaftlicher, wissensbasierter Sprachfähigkeit ist strategisch nicht durch „English only“, sondern nur durch Konzepte von Mehrsprachigkeit erreichbar, die unserer Landessprache weiterhin eine zentrale Rolle in Studium und Alltag zuweisen und je nach Studiengang weitere Fremdsprachen fördern. Gerade auf dem internationalen Bildungsmarkt ergäbe dies auch wertvolle Zusatzqualifikationen.

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