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Im Osten nichts Neues

Im Osten nichts Neues

Konrad Adenauer soll, so geht die Anekdote, wenn er mit dem Nachtzug nach Berlin reiste, hinter Magdeburg stets die Vorhänge zugezogen haben. Er wollte, wie er sagte, die „asiatische Steppe“ nicht sehen, die für ihn hinter der Elbe ihren Anfang nahm.

Die Anekdote mag wahr sein, vermutlich ist sie es nicht, doch manifestiert sich in ihr die Geisteshaltung, die auch heute noch prägend für den Westteil dieses Landes ist. Der Osten – und damit ist nicht nur Ostdeutschland gemeint – gilt als etwas Fernes und Fremdes, das im besten Fall noch einen gewissen exotischen Charme versprüht. Doch in jedem Fall gilt er als der Teil Europas, der uns nicht ebenbürtig ist, auf den man getrost mit etwas Hochmut herabblicken darf.

Wir schreiben das Jahr 2019 und wem es noch nicht aufgefallen ist: vor genau 30 Jahren fiel der Eiserne Vorhang. Heute ist er nicht mehr da. Der Einstellung gegenüber dem Osten hat es nichts genützt, dem Interesse an ihm sogar geschadet. Früher forschte man zumindest aus Gründen des Kalten Krieges noch über die sozialistischen Länder. Heute kann man auf der Plattform change.org eine Petition unterschreiben, die fordert, dass die renommierte Abteilung für Osteuropäische Geschichte an der Universität zu Köln nicht geschlossen wird. Im Osten nichts Neues und auch nichts Altes, scheint die Devise der Zeit zu sein.

Doch genug des Pessimismus! Die eigentliche Frage ist: was gilt es zu tun, 30 Jahre nachdem die Grenzen zwischen Ost und West gefallen sind? Es gilt – wie so oft natürlich – das Klischee zu überwinden. Frei nach dem Motto eines bekannten Memes: Eastern Europe is a social construct, change my mind! Osteuropa ist nicht die Weltgegend der modernen Diktatoren, der Balkan nicht die Region der streitenden Völker, Sachsen nicht das Land der Nazis. Die Welt ist komplexer als man es in einem Satz ausdrücken könnte. Und wer es nicht glaubt, der möge sich selbst überzeugen. Europas Naher Osten ist nämlich vor allem eines: nah. Zieht nicht die Vorhänge zu, sondern fahrt nach Krakau, lest Tschechow und unterschreibt vielleicht eine Petition – mehr bleibt nicht zu sagen.

Von Cornelius Goop

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