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„Biertrinken gehört zur DNA Münchens“
Foto: Thomas Dashuber

„Biertrinken gehört zur DNA Münchens“

Ein Gespräch mit Kolumnist Axel Hacke über bayrische Biere, Freundschaft und Anstand in schwierigen Zeiten

Axel Hacke, geboren in Braunschweig, aber seit mehr als 40 Jahren in München lebend, veröffentlicht wöchentlich seine Kolumne „Das Beste aus aller Welt“  im Magazin der Süddeutschen Zeitung. Nach dem Studium der Politikwissenschaft in München und Göttingen begann seine Karriere als Sportreporter bei der Süddeutschen Zeitung, später als politischer Reporter und Autor der Glosse „Das Streiflicht“. Seit dem Jahr 2000 arbeitet er selbstständig und hat mehr als zwanzig Bücher veröffentlicht, zuletzt „Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen“, erschienen im Verlag Antje Kunstmann.

Als was würden Sie sich eher bezeichnen: Journalist, Autor, Kolumnist oder Schriftsteller?
Irgendwie bin ich das alles. Ich habe den Beruf des Journalisten gelernt, aber das was ich heute mache, ist nicht mehr Journalismus im klassischen Sinne. Über 20 Jahre war ich bei der Süddeutschen Zeitung angestellt, aber heute schreibe ich dort nur noch meine Kolumnen freitags im Magazin, somit bin ich Kolumnist. Aber meine Bücher sind eher Schriftstellerei als irgendetwas anderes.

Sie leben in München. Wo befindet sich der schönste Ort zum Biertrinken?
Ich finde, zum Beispiel, am Nockherberg in Giesing, einer der großen Münchener Biergärten. Es gehört sozusagen zur DNA Münchens, dass man an vielen Orten vernünftig Biertrinken kann.

Was schätzen Sie an bayrischen Wirtshäusern?
Das bayrische Wirtshaus hat viele tolle Aspekte. Es herrscht eine gewisse Klassenlosigkeit, alle Gesellschaftsschichten gehen dorthin. Die bayrische Küche hat eine Vielfalt an tollen Gerichten.

Was fehlt Ihnen, wenn Sie wie aktuell, auf Lesereise sind?
Wenn man über eine Woche unterwegs ist, dann ist man oft mit sich selbst alleine und da vermisse ich besonders meine Frau und meine Kinder. Das Leben im Hotel macht mir nicht wahnsinnig viel aus, solange es ein schönes Hotel ist. Ich war jahrzehntelang Reporter, da ist man viel im Hotel. Deshalb bin ich daran gewöhnt, alleine zu sein. Aber schön ist es nicht.

Was macht für Sie eine gute Freundschaft aus?
Zu einer guten Freundschaft gehören Vertrauen und Diskretion, es ist geradezu das Charakteristikum, über Dinge reden zu könnendie andere Leute nicht wissen sollen. Wenn man älter wird, weiß man es zu schätzen, dass man Freunde hat, die einen schon sehr lange kennen und eine Entwicklung beurteilen können. Diese Freunde werden aber auch seltener, wenn man älter wird.

Was vermissen Sie an Ihrer Studentenzeit?
Zu meiner Zeit war Politologie ein Massenfach. Aber gleichzeig war für mich die Studentenzeit auch mit sehr vielen Ängsten und Zweifeln behaftet, ob ich das schaffen würde, was ich schaffen wollte. Nach dem Studium hatte ich dann das Gefühl, die Welt liege mir zu Füßen, gerade nach der Journalistenschule in München hatte ich sehr viele Möglichkeiten, wie es beruflich weitergehen könnte. Aber aus heutiger Sicht würde ich sagen, dass ich jetzt viel zufriedener und glücklicher bin als zu meiner Studentenzeit.

Was hat Sie am Journalismus am meisten interessiert?
Was andere Menschen nur über das Zeitunglesen oder Fernsehen erfahren, wollte ich wirklich erleben und als Zeuge dabei sein. Das ist auch das wichtigste am Journalismus überhaupt, dass man die Dinge anschauen und mit den Menschen reden kann. Nur im Internet zu recherchieren oder auf YouTube unterwegs zu sein, hat wenig mit Journalismus zu tun. Man muss rausgehen und dabei sein.
Als Sportreporter war ich bei Weltmeisterschaften und Olympischen Spielen und berichtete aus erster Hand. Auch später als politischer Berichterstatter habe ich aus nächster Nähe erlebt, wie zum Beispiel die DDR zu Grunde ging, wie die Menschen damit umgehen mussten und welche Folgen das plötzlich für ihr Leben hatte. Das alles selbst zu sehen, zum Beispiel zu erleben, welche Ängste und Hoffnungen die Leute in dieser Zeit hatten, das war einfach großartig. Ich wollte nie derjenige sein, der nur in seinem Büro sitzt und von dort aus Dinge kommentiert, die gerade passieren.

Um auf Ihr Buch „Über den Anstand in schwierigen Zeiten und die Frage, wie wir miteinander umgehen“ zu sprechen zu kommen. Was bedeutet für Sie Anstand?
In jeder Gesellschaft muss das Zusammenleben in irgendeiner Weise geregelt sein. Dafür gibt es Gesetze und Vorschriften. Was mindestens genauso wichtig ist, sind Dinge, die wir jeden Tag neu miteinander aushandeln. Und da muss sich jeder fragen, wie er im Umgang mit anderen Menschen sein möchte, was will ich tun, was nicht, was verbiete ich mir selbst und was davon wiederum nicht.
Anstand ist der Bereich der Umgangsregeln, die Menschen immer wieder miteinander ausmachen müssen. Und da sind wir momentan in allergrößten Schwierigkeiten, weil durch die sozialen Medien eine Verrohung vieler Menschen erleben. Das ist leider auch in Teilen zu einem vorherrschenden Umgangston in unserer Gesellschaft geworden, ein von Abneigung, ja Hass geprägtes Miteinanderumgehen. Und dagegen muss man angehen.

Haben Sie oder Ihr Verlag damit gerechnet, dass Ihr aktuelles Buch ein Bestseller werden könnte?
Wir haben schon damit gerechnet, dass es ein Erfolg wird, weil viele meiner Bücher Bestseller waren. Aber dass es so ein Erfolg werden würde, damit habe ich nicht gerechnet. Es stand ja auf Platz eins der Bestsellerliste. Es freut mich besonders, dass ein Buch zu diesem Thema erfolgreich war, weil ich damit auch sehe, dass vielen Menschen etwas daran liegt, anständig zu sein.

Ihre Kolumne „Das Beste aus aller Welt“ erscheint schon seit über 30 Jahren. Was macht sie so besonders?
Das interessante an dieser Kolumne ist für mich, dass da ein Einzelner sich mit der Welt auseinandersetzt und sie aus einer ganz subjektiven Sicht heraus beobachtet, filtert, auf seine besondere Art kommentiert. Jeder einzelne Leser sieht sich ja so der Welt gegenüber, da ist er wie der Kolumnist, der sich in der gleichen Situation befindet.

Woran denken Sie, wenn Sie an Europa denken?
Es gerät oft in Vergessenheit, auch bei jungen Leuten, dass die Europäische Einigung ein großes Friedensprojekt ist. Gerade wenn ich an den Brexit denke oder die Europafeinde in Frankreich, Italien oder Ungarn. Wir leben auf einem Kontinent, auf dem sich die Menschen über Jahrzehnte abgeschlachtet haben. Und seit 1945 leben wir in Frieden miteinander. Alle Völker leben nicht nur in Frieden miteinander, sondern sie entwickeln gemeinsam Ideen und das ist etwas ungeheuer Wertvolles. Und mir liegt daran, dass man diese Errungenschaft nicht gefährdet, sondern das Projekt weiterentwickelt. Viele reaktionäre Politiker wollen den Rückzug zum Nationalstaat, das halte ich für falsch.

Und nun drei kurze Fragen zum Schluss.

Welche Tipps können sie jemanden geben, der in den Bereich Journalismus möchte?
Zunächst muss man verstehen, dass es harte Arbeit ist, denn es bedeutet, sich mit der Wirklichkeit auseinanderzusetzen. Und das ist nichts Bequemes, was man einfach vom Schreibtisch aus erledigen kann.

Welches Buch lesen Sie aktuell?
Momentan lese ich den wundervollen Roman „Wellen“ von Eduard von Keyserling. Das ist eine Geschichte, die im 19. Jahrhundert an der Ostsee spielt. Eduard von Keyserling wurde mal als baltischer Fontane bezeichnet, das ist ein ganz großartiger Autor.

Und welches Buch würden Sie jedem empfehlen?
Wirklich jedem kann ich „Die Tante Jolesch“ von Friedrich Torberg sehr empfehlen zu lesen. Das ist ein Anekdotenbuch über die untergegangene Welt der Kaffeehäuser in Wien und Prag, über die vielen, meistens jüdischen Intellektuellen, die dort saßen und miteinander diskutierten – viele von ihnen mussten emigrieren oder wurden ermordet.  Das ist ein witziges, geistreiches und unterhaltsames Buch. Es ist aber auch ein Buch, das uns zeigt, was uns durch die Nazizeit verloren gegangen ist.

Das Gespräch führte Jean-Claude Jenowein

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