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Leben in der Illusion
Videokunst, Techno und viel Glitzer – für ein paar Stunden werden ungenutzte Orte lebendig. Foto: krancefotografia

Leben in der Illusion

Warschau liegt in einem gesellschaftlichen und politischen Spannungsfeld. Der musikalische Untergrund wird zur Spielwiese einer kleinen, wohlhabenden Oberschicht

Über den Köpfen donnern Autos entlang, Betonwände und vereinzelte Bäume rahmen die Szenerie – doch die Tanzenden unter der Brücke befinden sich in einer anderen Welt, einer Art kurzlebiger Blase, in der für eine Nacht andere Regeln gelten. Raves, meist unkommerzielle und illegale Veranstaltungen, sind Ausdruck einer Subkultur. Diese braucht freie Räume zur Entfaltung.
Johann Friedrich Salzmann, genannt Joff, ist Mitbegründer des Fingerhut Kollektivs und organisiert Open-Air-Veranstaltungen in Heidelberg mit. Für ein Semester studierte er in Warschau und erlebte eine Stadt inmitten einer Zeit des Umbruchs und der Veränderung. Ein Zustand also, der die Entfaltung einer Kunst- und Musikszene begünstigen sollte. Doch Polen ist auch „ein Schauplatz von Europapolitik, und nicht immer auf positive Weise“, erklärt Joff. Zudem regiert die rechts-konservative Partei Prawo i Sprawiedliwość (kurz PiS), was so viel heißt wie „Recht und Gerechtigkeit“, seit 2015 mit absoluter Mehrheit im Parlament und verfolgt eine strikte Kulturpolitik. Wie wirken sich diese Bedingungen auf künstlerische oder alternative Kreise aus?
Joff stellt fest: „Die PiS ist quasi die AfD an einem anderen Ort.“ Dennoch fühle man sich im Alltag als Kunstschaffender nicht wirklich unsicher, denn Zusammenstöße mit Polizei oder Behörden passierten eher in Bezug auf relevante politische Ereignisse. Beispielsweise bei der jährlichen Pride-Parade, wo man durchaus willkürlich motivierte Gängeleien beobachten könne. Als im Mai diesen Jahres die Aktivistin Elżbieta Podleśna Plakate einer Madonna mit einem Heiligenschein in Regenbogenfarben verbreitete, wurde sie in Untersuchungshaft genommen. Ihr drohen bis zu zwei Jahre Haft. Demonstrationen folgten, doch insgesamt scheint die Bereitschaft zu politischem Engagement nicht allzu hoch zu sein, beobachtete Joff.
Auch die Musikszene im Untergrund ist vergleichsweise klein, obwohl die Hauptstadt ungefähr 1,7 Millionen Einwohner zählt. Dem liegen vermutlich vielschichtige Ursachen zugrunde. „Das Einkommensniveau in Polen ist substantiell anders“, meint Joff. Es sei insgesamt schwierig, sein Leben künstlerischen oder politischen Projekten zu widmen. Diejenigen, die sich in diesen Bereichen engagieren, stammen deshalb oft aus einer kleinen „Oberschicht-bubble“ von jungen Leuten. Auch höre man oft die Einstellung, für derartige „Späßchen“ keine Zeit und sowieso dringendere Probleme zu haben. Relevante Themen wie die Europawahl blieben deshalb undiskutiert. Vermutlich werde sich zu den Nationalwahlen im September auch nichts Grundlegendes an den Machtverhältnissen ändern. „Einige leben in einer gefährlichen Illusion“, meint Joff und sagt, dass sich viele nicht bereit fühlten, in das politische Geschehen einzugreifen.
Wie kann man also Menschen politisch und gesellschaftlich sensibilisieren oder motivieren? In Bezug auf die Thematik der Klimakrise hat Joff bei „Extinction Rebellion“ neue Ausdrucksformen gefunden, um eine breitere Gesellschaft zu erreichen und soziale Blasen zu durchbrechen. Seit der Gründung im Januar ist Joff bei der Heidelberger Gruppe dabei. Mit Formen zivilen Ungehorsams und künstlerisch-symbolischen Aktionen, getaktet auf die Aufmerksamkeit der Medien, lasse sich einiges verändern. „Es ist interessant zu sehen, wie leicht man Freiräume beanspruchen kann. Wenn hunderte oder tausende Leute irgendetwas machen, hat keine Polizei oder Behörde so richtig eine Chance dagegen.“ Vor allem in der Öffentlichkeit, wie im April in London an zentralen touristischen Orten geschehen, entsteht so die Chance, Diskussionen zu eröffnen und Passanten einzubeziehen. Subkulturen, sowieso kreativer Protest nutzen Räume, die sich durch Zeiten des Umbruchs eröffnen. Beides geschieht mit unterschiedlichen Ansätzen, doch schaffen sie gleichermaßen Möglichkeiten der Begegnung und tragen so Potential für Veränderung in sich.

Von Nele Bianga

2 Kommentare

  1. Liebe Nele,

    ich bin mir unsicher, wie gut Du dich in Polen auskennst. Es ist natuerlich wahr, dass es reiche und arme Menschen in Polen gibt (wie in Deutschland auch) und auch eine sehr populistische Partei an der Macht ist (Die von ungefaehr der Haelfte der Bevoelkerung gewaehlt wurde).

    Ich habe allerdings das Gefuehl, dass du in deinem Artikel sehr viele negative Sachen ueber einen Haufen wirfst und sehr viele Dinge vereinfacht und undifferenziert betrachtest. Dies ist im Grunde in Ordnung, denke ich, es passiert ja immer wieder.

    Allerdings glaube ich auch, dass es kein Zufall ist, dass du ausgerechnet in einem Artikel ueber Polen Sterotypen reproduzierst und oberflaechlich berichtest. Es gibt eine lange Tradition in dem Deutschland ueber den ‚Osten‘, oder genauer ‚Zentralosteuropa‘ als rueckstaendig, primitiv, und vereinfacht zu berichten, als waeren die Berichterstatter Menschen in diesen Laendern ‚moralisch ueberlegen‘. Das ist paternalistisch und basiert auf einer Machtdynamik gegenueber diesen Laendern. Diese ‚Unterordnung‘ von Polen in unsere Medien-Landschaft ist kuenstlich. Wir haben keine moralische Ueberlegenheit.

    Um Edward Said zu zitieren:
    ‚The Orient as such exists and real people live in the region concerned, but the European representation of these people is a typical cultural creation that enables those powerful to legitimize their domination over those subjugated and conquered.‘ – obowhl sich Said auf eine andere geographische Region bezieht, gibt es viele polnische Autoren, die von einer aehnlichen Entwicklung gegenueber ‚Zentralosteuropa‘ sprechen.

    Ich finde es toll, dass Du dich mit LGBTQ-Rechten und der Politik in Polen auseinandersetzen moechtest. Wenn Du das tust, ist es allerdings wichtig, diese Dinge genauer zu betrachten und in einen Kontext zu setzen. Es gibt viele interessante Autoren, wie z.B. Michal Buchowski, der sich mit dem Begriff ‚postsozialistisch‘ intensiv auseinandersetzt und sich gleichzeitig mit der Arm-Reich-Schere in Polen auseinandersetzt. Jessica Robbins kann ich sehr empfehlen, die in ihrer Darstellung von ‚Altern in Polen‘ sehr auf populistische Vorstellungen eingeht und Adrien Beauduin setzt sich mit der Anti-Refugee-Vorstellungen in Polen und Ungarn auseinander und der Bedeutung fuer eine nationale Einheit.
    Allerdings heben alle diese Autoren immer wieder hervor, inwiefern eine paternalistische Haltung der westlichen Medien zu falschen Vorstellungen gegenueber ‚Zentralosteuropa‘ fuehrt und gleichzeitig auch Widerstand innerhalb des Landes hervorruft.

    Ich denke es ist wichtig, zu solchen Vorstellungen nicht beizutragen und guten Journalismus zu betreiben, der Dinge differenziert beschreibt.

    Ich frage mich, ob jemand der oder die ein halbes Jahr in London Erasmus gemacht hat, einen Artikel ueber die politische Lage in England verfassen wuerde, bei der sie oder er solche Aussagen treffen wuerde – ich denke nicht.

    • Hallo Luise,
      danke, dass du diesen Punkt ansprichst, du hast Recht dass die Berichterstattung über „den Osten“ oft sehr einseitig passiert, was bestimmte Machtstrukturen reproduziert. Ich habe noch nie für längere Zeit selbst in Polen gelebt, jedoch ist meine Familie väterlicherseits aus Polen nach Deutschland immigriert – daher glaubte ich, nicht komplett entfernt von dem Thema zu sein. In der Tat habe ich mich hier auf Aussagen einer einzigen Person gestützt, ich hätte deutlicher machen können, dass in dem Artikel nur eine sehr subjektive Sichtweise gezeigt wird – und vor allem über das Projekt von Joff berichtet werden soll. Natürlich wäre eine tiefergehende Recherche oder auch in Warschau sich länger aufzuhalten, wünschenswert, jedoch ist das schwierig mit den Ressourcen einer Studierendenzeitung zu bewerkstelligen.
      Nochmal danke für deine Kritik und die Tipps zu den Autoren
      Viele Grüße
      Nele

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