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Bewohnte Bühne
Vermutlich eine der wohnlichsten Bühnen, die man finden kann. Foto: Alexander Möller

Bewohnte Bühne

Die Wohnzimmerkonzerte der PH schaffen wöchentlich Raum und Zeit zum Entdecken neuer lokaler Künstler und Künstlerinnen

Jeden Donnerstag ab 20:00 Uhr öffnen sich während des Semesters die Türen der Zeppelinstraße 1 für ein kostenloses Wohnzimmerkonzert. Es sind die knarrenden Türen des Q-Refs der Pädagogischen Hochschule in Heidelberg, hinter denen weitere laute und leise Töne warten.

Auch am Donnerstag, den 11. Juli ließen diese sich in vielfältiger Weise hören: als Klirren sich öffnender Bier- und Cola-Flaschen, die man für einen kleinen Beitrag selbst aus dem Kühlschrank des Studierenden-Cafés nehmen darf, als Gespräche von Menschen, die sich einander öffnen, und als Rumpeln beim Aufbau der offenen Bühne.

Offen nannte sie sich nicht nur, weil sich keine Grenze zwischen Wohnzimmer und Bühne oder zwischen Publikum und Artisten ziehen ließ, sondern auch, weil sich an diesem Donnerstag auch das Konzept des Wohnzimmerkonzertes für einen Abend anderen Klängen öffnete. Normalerweise finden zu dieser Zeit Konzerte von einer oder zwei Bands statt, die zuvor im Programm bekannt gegeben wurden. Nun hingegen erwartete die Besucher des Q-Refs ein Überraschungsprogramm, das aus mehr als nur musikalischen Beiträgen bestand.

„Du kannst gut singen, tanzen, ein Instrument spielen, schauspielen, turnen, jonglieren, Zaubertricks, Poetry slamen, Wörter rückwärts aufsagen oder was anderes?“ Diese Frage richteten die Veranstalter im Vorfeld an altbekannte Konzertgänger und mutige Neuzugänge. In der gemütlichen Wohnzimmeratmosphäre des Cafés, in dem auf Stühlen, Tischen, Böden, Sofas oder Mitmenschen gesessen wurde, erwartete ein wohlwollendes Publikum in gedimmtem Licht die Klänge und Ereignisse, die ein solcher Aufruf hervorruft. Nachdem aus dem Erwarten ein Warten geworden war, ging es mit einer Stunde Verspätung los. Die Geräusche wurden leiser, um den Klängen der Künstler und Künstlerinnen auf der offenen Bühne Raum zu geben. Diese gestalteten sich ebenso vielfältig wie harmonisch.

Durch Rapeinlagen und Gitarrensoli, Poetry Slam und Gedichte in Gebärdensprache, leise Balladen und Beat Box-Unterricht schlich sich das Gefühl ein, als lauschender Teil dieser offenen Bühne zu sein, anstatt vor ihr zu sitzen. Des Öfteren standen unerwartet Sitznachbarn auf und stellten sich für den nächsten Auftritt vor das den Raum komplett füllende Publikum.

Auf der anderen Seite wurden die Zuhörenden nicht selten selbst Teil des Auftritts. Schon die Begrüßung und Anmoderation erforderte tatkräftige, rhythmische Unterstützung des Publikums à la „We will rock you“. Diese lauten, fröhlichen Klänge wurden abgelöst durch die leise Stimme des ersten Künstlers des Abends. Der Poetry-Slammer Marco sprach darüber, wie wichtig es sei, sich ein wenig Zeit zu nehmen. Ob geplant oder nicht: Dieser Anspruch schien über seinen Auftritt hinaus einen Rahmen für den restlichen Abend zu bilden. Ohne jede zeitliche oder inhaltliche Begrenzung nahmen sich die Anwesenden in der Zeppelinstraße 1 Zeit für jeden, der mutig genug war, sie auf der Bühne zu gestalten.

Neben der Vielfalt des Aufgeführten variierte dabei auch die Erfahrungen der Aufführenden. Die offensichtliche Offenheit und das permanente Interesse des Publikums, das selbst bei längeren Monologen nicht in Einzelgespräche zurück verfiel, ermutigten zum Ausprobieren neuer Formate und Klänge. Der Satz: „Das ist jetzt ein Experiment, das habe ich so noch nie gemacht“ eröffnete vermehrt die Vorträge der Kunstschaffenden.

Der Offenheit des Formats entsprechend gab es eine Bühne und offene Ohren für alle, aber keinen Gewinner. Wohlwollender Applaus und Interesse an den Stimmen Vieler bildeten den O-Ton der Veranstaltung. Ungefähr drei Stunden wurden so, trotz vereinzelt schiefer Töne, zu einem harmonischen Zeitfenster, bis sich spät am Abend die knarrenden Türen des Altbaus wieder schlossen; offen für was auch immer am kommenden Donnerstag erklingen wird.

von Paula Jemima Binder

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