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Bunte statt braune Bilder
In der Mitgliederausstellung findet sich Kunst vieler verschiedener Epochen. Foto: Nicolaus Niebylski

Bunte statt braune Bilder

Sein 150-jähriges Jubiläum feiert der Kunstverein Heidelberg mit einer Mitgliederausstellung. Diese setzt Vielfalt gegen die politischen Vereinnahmungen der Vergangenheit und Gegenwart

Unkonventionell, vielseitig, bunt – so präsentiert sich der Heidelberger Kunstverein zu seinem Jubiläum. Seit 150 Jahren stellt die nichtstaatliche Institution, die wie die meisten Kunstvereine keine eigene Sammlung besitzt, regelmäßig zeitgenössische Kunst aus. Solch ein Unterfangen ist natürlich nur durch das Engagement der Mitglieder möglich. Dieses wird jetzt mit einer großen Mitgliederausstellung gefeiert. Kunstvereine formten sich im 19. Jahrhundert in ganz Deutschland als Ausdruck eines neuen bürgerlichen Selbstverständnisses auf dem Weg in die demokratische Gesellschaft. Bis heute verstehe man sich als Ort des sozialen und politischen Diskurses anhand des Mediums Kunst, betont Direktorin Ursula Schöndeling.

Historisch wurde man diesem Anspruch nur teilweise gerecht: In den ersten Jahrzehnten des Bestehens dominierte eine sehr traditionelle Kunstauffassung und eine Ausrichtung auf „nationale Werte“. Bedeutende zeitgenössische Strömungen, wie der französische Impressionismus, wurden auf dieser Basis abgelehnt. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten erfolgte die Gleichschaltung schnell und problemlos. Bis Ende der 1960er Jahre blieb eine stark konservative Ausrichtung bestehen. Aus Protest richteten die beiden Beiratsmitglieder Jochen Goetze und Klaus Staeck 1969 das Festival „intermedia 69“ als Gegenveranstaltung zum hundertjährigen Jubiläum aus, bei dem unkonventionelle Kunst im Vordergrund stand und das Heidelberger Publikum durch provokante Aktionen geschockt wurde.

Inspiriert von dieser Erfahrung veranstaltete der neue Direktor Hans Gercke vermehrt Ausstellungen, die zu kritischer Reflexion anregten,
z. B. über das deutsche Psychiatriewesen (1980) oder das Waldsterben (1985). Dieser Geist wurde von seinen Nachfolgern weitergetragen. In den letzten Jahren setzte sich der Kunstverein unter anderem mit der zunehmenden Ökonomisierung der Kunst und mit möglichen neuen Formen von Gemeinschaft auseinander.
Auch Ursula Schöndeling ist dieses zeit- und gesellschaftskritische Element sehr wichtig. Dafür sei die Ermöglichung von Heterogenität der vertretenen Positionen und Kunststile unabdingbar, deren Betonung gerade in Zeiten des Rechtsrucks eine große Bedeutung habe. Entschieden wehrt sie sich gegen jede Form fundamentalistischer Vereinnahmung und macht deutlich: „Kunst macht an Grenzen nicht halt.“

Entsprechend vielseitig ist dann auch die Mitgliederausstellung, die zurzeit in den Räumlichkeiten des Kunstvereins zu sehen ist. Das Prinzip ist einfach: Alle Mitglieder waren aufgerufen, ihr Lieblingskunstwerk einzureichen. Dieser Bitte kamen 133 der über 800 Mitglieder nach. Das Resultat ist ein Zusammenkommen der verschiedensten Stile und Materialien in einem Raum: Naturalistische und abstrakte Gemälde, mit verschiedensten Arten von Farben erstellt, minimalistische Bleistiftzeichnungen, Siebdrucke, Fotografien, Skulpturen, Arbeiten aus Industriematerial – all das und mehr ist in der Ausstellung vertreten. Passend zur Fokussierung von Kunstvereinen auf zeitgenössische Kunst ist der größte Teil der Werke innerhalb der letzten Jahrzehnte entstanden, nur sehr wenige stammen aus der Zeit vor dem 20. Jahrhundert. Die Mammutaufgabe, in die große Fülle unzusammenhängender Werke eine Ordnung zu bringen, ist den Kuratoren gelungen: Anknüpfungspunkte thematischer, farblicher oder materieller Natur wurden, wo möglich, geschaffen. Manchmal ist der Besucher vielleicht etwas überfordert von der Dichte völlig verschiedener Eindrücke, die es zu verarbeiten gilt. Dieser Effekt wird teilweise dadurch verstärkt, dass es schwer ist, manche Bilder anhand des Begleitheftes zu identifizieren. Dessen Inhalt, die von den Mitgliedern selbst verfassten Begründungen ihrer Auswahl, ist dafür umso beeindruckender. In jedem Fall lohnt sich ein Besuch der Ausstellung, die deutlich macht, wie unterschiedlich das Kunstverständnis verschiedener Mitglieder des Vereins ist, und damit von seiner Lebendigkeit zeugt.

Zum Jubiläum sind neben weiteren Ausstellungshighlights auch so genannte „Tafelrunden“ geplant. Diese Veranstaltungen möchten typische Rollenzuweisungen in Vorträgen durchbrechen, indem sie der kunstinteressierten Öffentlichkeit die Möglichkeit bieten, mit Künstlern an einem Tisch zu sitzen und zu diskutieren. Außerdem erscheint eine Chronik des Kunstvereins in mehreren Kapiteln sowohl in Zeitungsform als auch auf der Homepage. Eine gute Gelegenheit auch für kunstinteressierte Studierende, sich mit einer der traditionsreichsten Institutionen des Heidelberger Kulturlebens auseinander zu setzen.

von Andreas Krauskopf

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