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Lindenstraße 2.0
In Zeiten von Social Media kann jeder seine eigene „Lindenstraße“ drehen. Foto: Foto: Sonyworld / Pixabay

Lindenstraße 2.0

Die Öffentlich Rechtlichen versuchen mit Snapchat-Soaps wie „Iam.Serafina“ im 21. Jahrhundert anzukommen. Dabei verwischen Rolle und Realität

Wie wäre es wohl, wenn man anstelle der ewig gleichen Campari postenden Instagram-Gestalten einfach seinen Lieblingsseriencharakteren folgen könnte? Joggen mit Jon Snow? Die Frage nach dem Produzieren von Serien im digitalen Zeitalter beschäftigt auch die Programmchefs der öffentlich-rechtlichen Sender. Auf dem von ihnen finanzierten Digitalsender Funk, der sich explizit an ein junges Zielpublikum richtet, toben sich junge Kreative daran aus ,in ihren Serienformaten zeitgemäße Geschichten mit den Mitteln des digitalen Zeitalters zu erzählen. Besonders bemerkenswert: Die Serienmacher bemühen sich darum, ihre Produktionen durch größtmögliche Authentizität, Nahbarkeit und digitale Präsenz naturalistisch wirken zu lassen. Hierbei kommt es oftmals zur Verwischung der Grenze von Realem und Gespieltem.
Einem ähnlichen Ideal von Naturalismus in der Darstellung jagte der 1938 verstorbene russische Mime Konstantin Stanislawski nach. Seiner Meinung nach musste der Schauspieler durch verschiedene methodische Schritte zu einer absoluten Synthese aus Darsteller und Charakter kommen. Stanislawski legte seinem Ensemble neben der Theaterbühne ganze Zimmer an, die dem Publikum zwar verschlossen waren, es seinen Darstellern aber ermöglichte, neben und auf der Bühne zu jedem Zeitpunkt in ihren Rollen zu bleiben. Stanislawskis Kriterien von authentischem Spiel waren so wirkmächtig, dass bisonleberessende Hollywood-Stars sich ihrer bis heute bedienen.
Zwei von Funk produzierte Formate sind vor diesem Hintergrund von Interesse. In der Doku-Soap „Iam.Serafina“ werden nun schon seit 2016 in bester Bravo-Foto-Lovestory-Manier die alltäglichen größeren und kleineren Kämpfe der 22-jährigen Serafina erzählt. Hierbei wird die Serie nur von einem kleinen Produktionsteam begleitet und die Hauptdarstellerin filmt mit ihrer Handykamera den gesamten Serien-Content. Zwar erinnert somit die Videoqualität eher an die Aufnahmen des Ibizagate-Videos von HC Strache, aber durch die wegfallende Redaktion und lange Postproduktion gewinnt die Serie ihren eigentümlichen, direkten und unverbrauchten Charm. Nur die Eckpunkte der Handlung sind abgesteckt und während der zweiwöchigen Produktion einer Staffel verbringen die Seriendarsteller ihren Alltag zumeist ausschließlich an ihren Drehorten. Das Staffelgeschehen wird zumeist zeitgleich bei Instagram kommentiert. Natürlich gibt es die klassischen Soap-Elemente wie betrügende, drogenschmuggelnden Partner, aber die Serie versucht, auch ernstere Themen zu verhandeln. Die Serienschwangerschaft von Serafina wird eingehend thematisiert. Sensibel kommentiert dort die Hautdarstellerin den möglichen Schwangerschaftsabbruch und geschickt werden Charaktere wie eine Frauenärztin oder eine Beraterin für Schwangerschaftsabbrüche eingegliedert. Die Serien-Serafina entscheidet sich schließlich für das Serien-Kind. Die Soap wird durch diesen Handlungsbogen selbst zur Informationsplattform.
Eine zweite, weitaus konventionellere Funk-Produktion ist die deutsche Adaption der norwegischen Serie „Skam“ mit dem Namen „Druck“. Seit 2018 wird von den Leben und Leiden einer Berliner Abiturientenclique erzählt. Neben den typischen Partyeskapaden und Sexgesprächen der Charaktere versucht sich die Serie daran, die Probleme des Heranwachsens zu erzählen. Die erste Staffel beispielsweise porträtiert Ausgrenzung im digitalen Zeitalter. Die jüngst abgeschlossene dritte Staffel hingegen verhandelt sehr eindringlich Fragen der sexuellen Identität. Jeder „Druck“-Charakter besitzt ebenfalls eine digitale Identität, die von den Darstellern betrieben wird. Noch deutlicher als bei „Iam.Serafina“ vermischen diese Profile die Ebenen von Realität und Fiktion. Die Darsteller der Serie nutzen ihre Profile sehr offen für politische Aufklärungsarbeit und erreichen damit Hunderttausende.
Das öffentlich-rechtliche Fernsehen hat begonnen, seine Form für das 21. Jahrhundert zu entwickeln.

Von Frederik Kaufmann

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