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Hogwarts statt Hörsaal
Jan lässt sich nicht in die Karten sehen. Foto: Susanne Stiller

Hogwarts statt Hörsaal

Geld herbeizaubern geht nicht, aber als Zauberkünstler um die Welt zu fliegen bezahlt die WG-Miete trotzdem

Mit Sakko und Selbstbewusstsein betritt Jan Langreder das Café Regie. Mit im Gepäck hat er seine Lebensgeschichte und ein Kartendeck: „Irgendwas zum Zaubern hat ein Künstler eigentlich immer dabei”, sagt der 21-jährige Lehramtsstudent. Während wir noch auf den Hogwarts-Brief warteten, hat Jan die Sache selbst in die Hand genommen: Mit neun belegte er den ersten Zauberkurs, und von da an gab es für ihn keinen Tag mehr ohne Magie. Vom Auftritt auf Opas Geburtstagsfeier über Kindergarten-Zauberei arbeitete sich Jan ins Spitzenfeld der deutschen Zauberkunst. Zuletzt konnte er mit der Premiere seines Soloprogramms „Momente, die bleiben“ ein persönliches Karriere-Highlight feiern.

Doch Jan ist auch international erfolgreich: Während andere im vergangenen Wintersemester in der Bib Bücher wälzten, reiste Jan um die Welt und verzauberte von Toronto über die Fidschi-Inseln bis Sydney weltweit sein Publikum. „Meine Agentur hat mich für deutschsprachige Shows engagiert und zwei Wochen lang auf der AIDA als Gastkünstler untergebracht“, erzählt er. Was sich anfangs wie der coolste Studentenjob anhört, ist in Wahrheit harte Arbeit: „Zauberkunst ist quasi ein eigenes Studium“, erklärt Jan und zieht ein altes Zauberbuch aus der Tasche. „Man lernt aus der Literatur Sachen, die so alt sind, dass sie jetzt neu funktionieren mit anderen Requisiten.“ Die Entwicklung von Kunststücken dauert ein bis zwei Jahre von der ersten Idee bis zur Perfektion eines Tricks. Hinzu kommt das notwendige Training vor dem Spiegel: „Die wahre Magie liegt in den Worten, in der Präsentation“, erklärt Jan. „Ich lenke mein Publikum nicht ab, sondern lenke die Blicke ganz gezielt.”

Anders als im Ausland, wo die Kunst der Zauberei an manchen Universitäten sogar als eigenes Studienfach angeboten wird, ist das Erlernen dieser Kunstform in Deutschland nicht einfach: „Der Magische Zirkel von Deutschland” ist die einzige Vereinigung, die großflächig die Zauberkunst fördert, und Jan wurde erst nach dem Bestehen einer theoretischen und praktischen Prüfung aufgenommen. „Wir sind eine große Familie und wollen alle die Kunst weiterführen”, erzählt er. Seit einigen Jahren bemüht sich Jan als Jugendbetreuer des Ortszirkels in Mannheim sein Wissen an die nächste Zauberer-Generation weiterzugeben. Seine Tipps für alle Anfänger sind: „Lesen, Informieren, Recherchieren – und weniger YouTube schauen!”

Vor seinem großen Erfolg zauberte Jan auch als Straßenkünstler in der Heidelberger Fußgängerzone: „Ich habe mein Herz in Heidelberg verloren und freue mich immer darauf, wieder zu kommen.“ Am 23. Mai ist es wieder so weit: Jan wird im Rahmen des Heidelberger Symposiums einen Zauber-Workshop geben. Wie Jan bei all dem Trubel noch Zeit für sein Studium hat? „Ich bin wohl irgendwie im sechsten Semester, mache aber aktuell eine Pause“, sagt er und lacht. Für die Zukunft denkt er über einen Wechsel nach: „Vielleicht in Richtung Event-Management.” Eines ist jedoch sicher: Jan will der Zauberei treu bleiben. „Warum muss man seine Träume aufgeben, um erwachsen zu werden?“, fragt er. Diesem Grundsatz folgend tourt er in den nächsten Monaten mit seinem Soloprogramm durch Deutschland. Dafür kann man im Studium auch mal eine Pause einlegen.

Von Judith Steinkellner und Rebecca Rapp

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