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Flucht vor dem Numerus Clausus
Wie auf Malle: mit ihren Handtüchern belegen die „Piefkes“ bis zu 20 Prozent der Plätze. Foto: Hannah Steckelberg

Flucht vor dem Numerus Clausus

In Österreich studieren viele Deutsche Medizin. Wie geht das Land mit dem Andrang um?

Mit dem Abitur zerbrechen jeden Sommer Träume, wenn der Schnitt nicht für das Medizinstudium reicht. Für Abiturienten ohne 1,0-Schnitt bleibt das Studium meist ein Traum.
Wer fürs Studium aber bereit ist, über die Grenzen Deutschlands hinauszuschauen, wird es meistens in Österreich versuchen, wo es keinen Numerus Clausus (NC) gibt: Es zählt einzig und allein der österreichische Medizinertest MedAT. Das Studium in Österreich ist gratis und die Landes- und Studiensprache Deutsch. Dazu kommt die geographische Nähe, und schon ist klar, warum Österreich für die deutschen NC-Flüchtlinge die erste Wahl ist.
Das südliche Nachbarland hat vier Medizinische Universitäten – Graz, Innsbruck und Wien, sowie die Privatuniversität Salzburg. In Graz studiert Hannah aus Stuttgart. Mit einem Schnitt von 1,8 hatte sie in Deutschland keine Chance auf einen Studienplatz. Die Idee, es in Österreich zu versuchen, hatte sie von einer Freundin. Auch Lorenz aus Regensburg, der in Innsbruck studiert, hatte mit einer Abiturnote von 2,3 keine Chance. Während Hannah schon immer Ärztin werden wollte, hat Lorenz erst nach der Schule gemerkt, dass er am liebsten Medizin studieren würde. Und so entschloss auch er sich, es in Österreich zu probieren.
Insgesamt gibt es im 8-Millionen-Einwohner-Land nur 1680 Plätze für Medizin (Stand 2018), auf die sich dieses Jahr 15 880 Bewerber zum MedAT anmeldeten. Bei den Zahlen wird sofort klar: Die Chancen, einen Platz zu bekommen, sind gering. Für Österreicher stehen sie jedoch weitaus besser als für Deutsche: Seit 2006 gibt es eine Quote, die 75 Prozent der Studienplätze (1260) für österreichische Maturanten vorsieht. EU-Ausländer bekommen nach dieser Quote 20 Prozent (336), und für Nicht-EU-Ausländer sind fünf Prozent der Plätze (85) vorgesehen. Vorher durfte in Österreich nur Medizin studieren, wer auch im Heimatland einen Studienplatz hatte. Die alte Regelung wurde vom Europäischen Gerichtshof im Juli 2005 gekippt, da sie für diskriminierend befunden wurde.
Auch für die neue Quote musste Österreich kämpfen. Ursprünglich war sie als Übergangsregelung beschränkt, weshalb Österreich beweisen musste, dass es ohne die Quote einen erheblichen Ärztemangel geben würde. Da vier von fünf Deutschen (Quelle: Statistik Austria) nach dem Abschluss Österreich wieder verlassen, befand die EU-Kommission die Quote für angemessen, um das Gesundheitssystem zu schützen. Peter Loidl, Vizerektor der Medizinischen Universität Innsbruck, hält die Humanmedizin „für essentiell, um die nachhaltige medizinische Versorgung der österreichischen Bevölkerung zu gewährleisten.“
Außerdem kostet das Medizinstudium den Staat pro Studierenden rund 60 000 Euro – Kosten, die sich dadurch rentieren müssen, dass die zukünftigen Ärzte in Österreich arbeiten und auch Steuern zahlen.
Hannah versteht, dass es die Quote gibt: „An sich finde ich die Quote gut, natürlich auch aus egoistischen Gründen. Ich kenne keine Uni in Deutschland, die 25 Prozent Nichtdeutsche als Studenten hat. Ich kann allerdings verstehen, dass es Ärger hervorruft, dass wir vom österreichischen Steuerzahler finanziert werden, allerdings hier nie Steuern zahlen werden.“ Und auch sie hat nicht vor, in Österreich zu bleiben. Lorenz hat weniger Verständnis für die Quote: „Ich bin etwas zwiegespalten – einerseits finde ich es unfair, andererseits aber auch verständlich. Österreich investiert viel Geld in jeden einzelnen Medizinstudenten, da ist es nur verständlich, dass sie sich absichern wollen, dass diese auch im Land bleiben.“ Ob er selber bleiben möchte, weiß Lorenz noch nicht.
Marcus, ein österreichischer Student aus Graz, mag die Quote: „Sicher ist man anfänglich ein wenig verärgert, dass alle nach Österreich kommen, nur weil Deutschland es nicht zusammenbringt, eine ähnliche Regelung zu schaffen“ und fügt hinzu, dass „Deutschland sicher einen größeren Ärztemangel beisammen hätte, wenn Österreich nicht so viele ausbilden würde.“ Trotzdem versteht Marcus, dass Deutsche nach Österreich kommen, und auch, dass viele von ihnen nach dem Abschluss wieder gehen. Auch Dr. Loidl weiß, dass sich die Arbeitsbedingungen im Land langfristig verbessern müssen: „Österreich muss danach trachten, sowohl die postgraduelle Facharztausbildung als auch die Rahmenbedingungen für ärztliche Niederlassungen so attraktiv zu gestalten, dass ein Wechsel nach Deutschland weniger erstrebenswert ist. Dies könnte einerseits durch entsprechende finanzielle Anreize realisiert werden, andererseits durch strukturelle Anpassungen im niedergelassenen Bereich.“ Auch in Zukunft kann Österreich deshalb mit einer Vielzahl von deutschen NC-Flüchtlingen rechnen.

Von Hannah Steckelberg

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