13.11.2007
„Ich habe gewonnen.“
Die Auschwitzüberlebende Susan Cernyak-Spatz im Gespräch
Professor Susan Cernyak-Spatz hat das Vernichtungslager Auschwitz überlebt. Durch eiserne Grundsätze und „unverschämtes Glück“, wie sie sagt. Für ein Zeitzeugengespräch kam die 85-Jährige nach Heidelberg.
Prof. Dr. Susan Cernyak-Spatz hat das Vernichtungslager Auschwitz II überlebt. Durch eiserne Grundsätze und „unverschämtes Glück“, wie sie sagt. Anlässlich eines Zeitzeugengesprächs in der Friedrich-Ebert-Gedenkstätte kam die 85-Jährige nach Heidelberg und berichtete über ihre Zeit in den Konzentrationslagern Theresienstadt, Auschwitz-Birkenau und Ravensbrück.
Frau Cernyak-Spatz, Sie tragen immer noch ihre Tätowierung, die Sie als jüdischen Häftling in Auschwitz-Birkenau kennzeichnet. Warum?
Ich trage sie nicht für mich, sondern als Beweis der Wahrheit. Viele haben sich die Tätowierung wegmachen lassen, aber wie sollen die denn beweisen, dass sie wirklich dort waren? Es hat ein paar Fälle gegeben von Leuten, die sich in wilder Fantasie als Überlebende ausgegeben haben und nachher stellte sich heraus, dass sie es gar nicht waren. Mir kann niemand sagen, dass ich nicht weiß, worüber ich rede.
Und wissen Sie, dass mich - bis auf einen Amerikaner, der dachte, es sei meine Telefonnummer - noch nie jemand gefragt hat, was die Zahlen auf meinem Arm bedeuten? Seit 1945 hat jeder gewusst, was das ist.
Aus welchem Grund sind Sie zurückgekehrt?
Ich muss sagen, es war Neugierde. Ich wollte sehen: Was war übrig? Meine drei Kinder und ich standen in Birkenau und es war typisches „Birkenau-Wetter“, wie wir immer sagten. Es war grausiges Wetter, furchtbar eisig und kalt. Es war der 1. April 1993 und es hat geschneit. Wir standen da am Tor und meine älteste Tochter sagte „Kaddish“, das jüdische Totengebet. Und da hab ich mich umgesehen und dachte mir: Ich bin hier und meine Nachkommen leben und sind hier. Ihr seid nicht mehr hier. Ich habe gewonnen. Und das war dann so eine Art „closure“: Von da an war es für mich kein Problem mehr.
Hatten Sie in Ihren zwei Jahren in Auschwitz jemals daran gedacht aufzugeben, sind Sie jemals verzweifelt?
Nein. Das Land, an dem ich gehangen habe, mein Vaterland, hat mich verraten. Ich kann nicht sagen, warum, aber ich hatte immer das Glück zu denken: Ich muss darüber hinweg kommen, was immer mir passiert. Ich muss damit fertig werden - egal, was kommt.
Das einzige Mal, als ich wirklich Todesängste ausgestanden habe, war, als ich auf dem Transporter eingereiht war auf dem Weg von Theresienstadt nach Auschwitz. Da hab ich wirklich Angst gehabt und ich hab versucht, heraus zu kommen. Ich habe sogar einen jungen Doktor gefunden, der mir einen Typhus-Shot gab, damit ich wieder raus kam und vielleicht in den nächsten Transporter eingereiht würde. Das hat aber nicht funktioniert. Da hatte ich wirklich Angst.
Sie haben sich ja spezialisiert auf die Holocaust-Thematik.
Ich bin vor allem Germanistin. Meine Doktorarbeit allerdings geht über die Vor- und Nachkriegsliteratur und über den Holocaust. Meine Doktormutter war die bekannte Schriftstellerin Ruth Klüger. Ich werde nie vergessen, wie ich ihr sagte, dass ich gerne etwas über Arthur Schnitzler schreiben möchte. Sie antwortete: „Um Gottes Willen, es gibt schon so viele Dissertationen über Schnitzler! Sei doch nicht blöd. Du hast Deine Vergangenheit, warum benutzt Du sie nicht.“ Und so habe ich es gemacht.
Hilft Ihnen das wissenschaftliche Arbeiten bei der Aufarbeitung Ihrer Vergangenheit?
Nicht im Vortrag. Die Sachen, die ich recherchiere, helfen mir natürlich. Dadurch kann ich einen Vortrag halten, in dem ich nicht nur sage: „Ich war hier in dem Block, da hab ich gearbeitet und da bin ich rausgekommen“, sondern, dass ich einen umfassenderen Erfahrungsschatz habe. Das ist mir sehr wichtig, denn irgendwie müssen die Studenten, die ich vor mir habe, sich die Geschichte einverleiben. Sie müssen wissen, warum es so gekommen ist .
Sie sagen, es sei im Lager überlebenswichtig gewesen, wen man kennt. Sie sprechen von Häftlingen mit „Posten im Zaun“. Diese Angehörigen der Sonderkommandos wurden im Nachhinein ja oft verurteilt. Wie stehen Sie dazu?
Das waren doch die gesuchtesten Männer im Lager, denn die haben Zugang zu allem gehabt: Unterwäsche, Strümpfe, Essen und vieles andere. Die Sonderkommandos waren die beste Partie, die hatten auch alle ihre Freundinnen im Lager. Was nach dem Krieg war, weiß ich nicht.
Den Sonderkommandos wurde auch vorgeworfen, dass sie für die Nazis arbeiteten, um ihr eigenes Leben zu retten.
Um Gottes Willen, das ist der größte Stuss! Was hätten sie denn machen sollen? Entweder arbeiten Sie dort oder Sie können im Außenkommando bleiben, was quasi als Totenkommando galt: Das überlebt keiner. Im Sonderkommando zu arbeiten war natürlich furchtbar, aber sie haben’s gemacht, weil sie gewusst haben, es ging um ihr Leben. Man darf nie sagen: "Die waren Funktionäre, deswegen haben sie mit den Nazis kollaboriert." Dann muss ich es doch genauso gewesen sein. Aber wir sind diejenigen, die noch aussagen können - wo sind diejenigen, die so tapfer waren und sich geweigert haben?
Für viele Juden hatte sich schon vor dem Krieg die Frage gestellt, ob sie ihren Glauben aufgeben sollten oder nicht.
Die polnischen Juden waren ja viel orthodoxer. 99 Prozent der westlichen Juden waren assimiliert. Glauben Sie mir, ich habe mir nie die Frage gestellt, ob ich einen Feiertag einhalten soll oder nicht. Es gibt ein paar polnische Kollegen, die haben immer gesagt: „Wir haben an Jom Kippur gefastet!“ Und ich habe darauf geantwortet: „Ja, und wann habt ihr denn nicht gefastet?“ Weil es nämlich Blödsinn war. Ich kann nicht glauben, dass es einen Gott gibt, der zugesehen hat, wie die Menschen leiden und verbrannt werden. Der Philosoph Saul Friedländer hat einmal gesagt: Während des Holocaust hat Gott sein Gesicht von der Welt abgewandt. Nach dem Holocaust hat er sich wieder der Welt zugewandt und an den Gott kann ich glauben.“ Das ist auch meine Formel.
Es sind viele Juden nach Palästina gegangen. Warum nicht Ihre Familie?
Mein Vater war sehr zionistisch, der wäre furchtbar gern nach Israel gegangen. Ich werde bis an mein Lebensende nicht wissen, warum wir geblieben sind. Ich kann nur vermuten, dass meine selige Mutter - die sehr an ihren Wertsachen gehangen hat und kein Pionier sein wollte - dagegen war. Und mein Vater war ein Pantoffelheld, der hat gemacht, was seine Frau gesagt hat. Ich hatte in Prag sogar die Möglichkeit, mit einem Transport nach Palästina zu kommen und sie hat mich festgehalten und nicht losgelassen. Sie hat einfach beschlossen, ich darf nicht von hier weg. Ich werde nie wissen, warum.
Theodor Adorno postulierte nach dem zweiten Weltkrieg: "Deutschland
denken, heißt Auschwitz denken." Verbietet sich, ihrer Meinung nach, angesichts der deutschen Verbrechen am jüdischen Volk, Kritik an israelischer Politik, etwa gegenüber den Palästinensern?
Nein, denn das ist ja 60 Jahre her. Die Generation, die jetzt führend ist in Israel, ist nicht mehr die der Auschwitz-Überlebenden. Israel ist ein Land wie alle anderen Länder und es sollte eingeschätzt werden wie alle anderen. Israel hat mit den Palästinensern Fehler gemacht und umgekehrt, leider Gottes. Viele meiner Freunde haben arabische Freunde, es gibt wissenschaftliche und auch literarische Verbindungen. Nur die politischen Repräsentanten beider Länder lassen die Verständigung nicht zu. Aber die Deutschen haben kein Recht zu sagen, dass die Israelis sich wie die Nazis benehmen.
Sie haben es sich zur Aufgabe gemacht, gegen das Vergessen zu kämpfen. In ganz Deutschland finden sich an die 80 Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus. 2005 wurde zuletzt das 19.000 Quadratmeter umfassende „Denkmal für die ermordeten Juden Europas“ errichtet. Sehen Sie Denkmäler als sinnvolle Investition im Sinne der Aufklärung an?
Die Frage hatte ich mir vor Jahren schon gestellt: Denkmäler oder Erziehung? Und ich bin für Erziehung, denn ein Denkmal wird nur einmal im Jahr besucht, das ist alles. Erziehung ist etwas, das andauert.
Vielen Dank für das Gespräch.
von Jenny Genzmer, Kristin Höhn