ruprecht-Logo Banner
ruprecht auf Facebook
Der aktuelle ruprecht
ruprecht vor 10 Jahren
Andere Studizeitungen
ruprechts Liste von Studierendenzeitungen im deutschsprachigen Raum
ruprecht-RSS
ruprecht-Nachrichten per RSS-Feed
 Weltweit
13.11.2007

China: Von Mao zu McDonalds

Olympiade und Kapitalismus lassen in Peking seltsame Blüten treiben

„Bitte denken Sie daran, im U-Bahn-Bereich nicht auf den Boden zu spucken“, säuselt eine frisierte Frauenstimme durch die Lautsprecheranlage im Zug. Klingt eigentlich nach einer banalen Aufforderung, doch sie scheint zu wirken.

„Bitte denken Sie daran, im U-Bahn-Bereich nicht auf den Boden zu spucken“, säuselt eine frisierte Frauenstimme durch die Lautsprecheranlage im Zug. Klingt eigentlich nach einer banalen Aufforderung, doch sie scheint zu wirken. Sechs Jahre ist es her, seitdem ich das letzte Mal in Peking war und ich muss zugeben, dass sich die Anzahl der auf den Boden spuckenden Männer spürbar reduziert hat.

Auch woanders findet man Beispiele für die zunehmende Umerziehung des Normalbürgers in Peking: „Rücksicht im Straßenverkehr“, „Kinder und alte Menschen achten“, „den Bedürftigen in Bussen und Bahnen den Platz anbieten“. An Bushaltestellen, Supermärkten, den Tunnelsystemen der U-Bahn, dem Flughafen: Überall findet man die kurzen, aber prägnanten Schriftzüge.

All diese Aufforderungen scheinen wohlbekannt und man denkt an asiatische Höflichkeit, doch die im Westen sprichwörtliche asiatische Höflichkeit wurde eher durch Japan populär gemacht, während China durch seine jüngere Geschichte eher eine Verrohung seiner Umgangsformen zu verzeichnen hat. Die Regierung in China findet das wohl auch und ergreift Maßnahmen, denn Peking, die Hauptstadt, das Kulturzentrum, die Metropole, das Aushängeschild, soll sich bei den Olympischen Spielen 2008 der ganzen Welt präsentieren und jetzt wird der Stadt noch der letzte Feinschliff verpasst.

Optisch hat sich nicht viel verändert: Der Himmel ist mittlerweile wirklich blau, aber sonst ist das Stadtbild noch immer von einer unermüdlichen Betriebsamkeit geprägt. Autos und Taxen fahren ununterbrochen, die Straßen sind voller emsiger Menschen und an jeder Ecke findet man kleine Stände, Werbeplakate, feilschende Leute und viele Geschäfte. Unter den Werbeplakaten mischen sich zusehends solche, die chinesische Show-Prominenz (Jackie Chan oder Yao Ming) beim Anpreisen von Olympia 2008 zeigen. Auch die elektronischen Stauanzeige an der Autobahn blinkt in roter Schrift: „Olympia 2008, eine Welt, ein Gedanke, eine Familie.“ Ein Spruch der mir zum Hals raushängt, denn auch im Fernsehen wird vom chinesischen Staatssender CCTV immer wieder eine kitschbeladene Werbung mit genau diesem Slogan gezeigt. Dazu kommt, dass CCTV dreizehn verschiedene Kanäle hat, darunter Kanäle für Musik, Wissenschaft und sogar Peking-Oper. Zum Glück habe ich Satellit.

Peking im Olympiarausch? Die Menschen auf der Straße scheint das noch nicht sehr zu kümmern. Die Hauptstadt Chinas wird zunehmend internationalisiert und sogar an den Anblick von „Langnasen“ mit „goldgelben“ Haaren haben sich die meisten mittlerweile gewöhnt. Wer blond ist und heute durch Peking spaziert, muss zumindest nicht mehr damit rechnen, dass manche Leute einem mit ehrfurchtsvollen Mienen über die Haare streichen. Auch von der mächtigen Propagandamaschinerie zeigen sich die Menschen unbeeindruckt und gehen ihrem geschäftlichen Alltag nach, einem Alltag, der für jemanden aus dem biederen Deutschland zu einem echten Abenteuer werden kann.

Zum Beispiel beim Kauf von Granatäpfeln bei einem Straßenobsthändler: Zuerst einigt man sich mit dem Mann auf einen Kilopreis, denn chinesische Straßenhändler haben grundsätzlich keine Preisschilder. Dann geht er mit dem Kilopreis runter, aber nur wenn ich zwei Kilo Granatäpfel auf einmal kaufe. Den Haken soll ich schon bald erfahren, denn schon nach drei Früchten, die auf der Waage liegen, zeigt sie schon zwei Kilo an. Das kommt mir etwas spanisch vor, doch zum Glück habe ich meine 1,5 Liter Wasserflasche dabei, die auf der Waage dann auf fast 2,5 Kilo kommt. Dass die Dichte des Wassers ein Kilo pro Liter ist, muss ich dem Verkäufer dann auch noch erklären.

Im Technologiezentrum im Stadtteil Zhong Guan Cun bekomme ich eine weitere Kostprobe der Geschäftskonkurrenz. Das Technologiezentrum besteht aus mehreren riesigen Geschäftskomplexen, in denen sich Firmen aus der ganzen Welt sammeln: Phillips, Dell, Hewlett Packard, Compaq, Sony, Samsung. Jede Firma hat ihre Nische in einem zehnstöckigen, verglasten Klotz von einem Gebäude und die dortigen Verkäufer stürzen sich auf potentielle Kunden wie Aasgeier auf eine frische Leiche. Dabei gehen manche sogar so weit, die Kunden mit roher Körpergewalt zu ihren Produkten zu zerren, was ich nur durch die Androhung von Handgreiflichkeiten meinerseits zu unterbinden wusste.

Peking im Kapitalismusrausch? Dem würde ich schon eher zustimmen, wenn ich in der Universitätsbuchhandlung im Bereich BWL-Bücher mit den Titeln „Der richtige Umgang mit Kunden“ oder „Auftreten und Körpersprache beim Verkaufen“  sehe. Beeindruckt hat mich auch eine Prozession von Kellnerinnen, die in ihren Uniformen wie frischgebackene Rekruten vor ihrem Restaurant stehen und unisono die wichtigsten Umgangsregeln in der Gastronomie herunterleiern. Man muss McDonalds und Kentucky Fried Chicken Paroli bieten.

Das moderne China gehört dem Kapitalismus und wahrscheinlich klappt dieses Prinzip in der chinesischen Hauptstadt deswegen so gut, weil Peking etwa 20 Millionen Menschen beherbergt, die alle ihren China: Von Mao zu McDonalds Teil vom großen Kuchen abhaben wollen. Dabei versuchen sich viele mit schrillen Farben, Slogans oder einfach der lautesten Stimme durchzusetzen. Kreativität vermisse ich hier sogar mehr als auf dem deutschen Werbemarkt.

Zum Glück gibt es in einer so riesigen Stadt auch Orte der Ruhe , auch wenn man dafür etwas suchen muss: Wenn man durch die Altstadt wandert, begegnet einem das oft berichtete Erlebnis, dass an solch einem Ort die Zeit stehen geblieben sei, von gelegentlichen Colaständen mal abgesehen. Überall tun mal abgesehen. Überall tun sich schmale, gerade Gassen auf, umgeben von mannshohen grauen Mauern. Zwischen diesen Mauern sind manchmal schmale Torbögen eingelassen, die ins Innere eines einstöckigen Refugiums führen. In einer mit Menschen überfüllten Stadt erscheinen diese altmodischen, einstöckigen Wohnhäuschen mit Vorhof wie der reinste Luxus. Diese Art der Platzverschwendung wird von der Stadtverwaltung aber nicht aus purer Liebe zum Kulturerbe geduldet. Zufällig weiß ich, dass solche Stadtteile auch hin und wieder als Kulisse für die ein oder andere Fernsehserie mit angehauchtem historischem Hintergrund herhalten muss.

Zu guter Letzt finde ich dann einen Laden für Kunstgegenstände, der schon in der Hinsicht außergewöhnlich ist, dass der Verkäufer nicht mit sich feilschen lässt. Stattdessen bietet er mir einen Hocker an und erklärt mir dann in aller Ruhe die Feinheiten, wie man Insektenbilder mit Menschenhaar unterschiedlicher Dicke auf Leinwand sticken kann. Dann geht er auf exakte Arbeitszeiten und Arbeitsaufwand pro Kunstwerk ein, sowie auf die Materialkosten und die Lebensumstände der Künstler, die er persönlich zu kennen scheint. Nach einem fast 90-minütigen Aufenthalt und viel neuem Wissen über traditionelle chinesische Kunst gehe ich zufrieden mit einem gestickten Libellenbild aus dem Laden; ohne zu feilschen.

Als ich abends auf dem Platz des himmlischen Friedens entlang spaziere und zum wiederholten Mal zum gigantischen Portrait des großen Parteivorsitzenden Mao hochschaue, drängt sich mir unwillkürlich die Frage auf, ob er dem jetzigen China noch immer sein gönnerhaftes Lächeln schenken würde wie auf dem Bild.

von Xiolai Mu
   

Archiv Weltweit 2012 | 2011 | 2010 | 2009 | 2008 | 2007 | 2006 | 2005 | 2004