14.11.2006
Mehr Stress, weniger Einsatz?
Verhindert der Bachelor die ehrenamtliche Aktivität von Studenten?
Bachelor- und Master-Studenten müssen mehr Zeit für ihr Studium aufwenden. Viele Hochschulgruppen befürchten, dass nun immer weniger Studenten die Zeit finden sich zu engagieren. Droht den studentischen Initiativen ein Mitgliederschwund?
Die Umstellung auf Bachelor und Master bedeutet für viele Studierende einen erheblichen Mehraufwand. Bleibt einigen daher kaum noch Zeit, sich in studentischen Initiativen und Hochschulgruppen zu engagieren? Von diesen befürchten manche, nicht mehr genügend Mitglieder zu finden. Begrenzt sich der Erfahrungshorizont der Studierenden in Zukunft auf reine Wissensanhäufung und schadet das Bachelor-Studium somit dem ehrenamtlichen Engagement? – Heidelberger Studentenvereinigungen erzählen.
Martin Ernst (amnesty International, Heidelberg): „Wir glauben nicht, dass die Umstellung der Studiengänge einen spürbaren Einfluss auf die Verfügbarkeit und das Engagement unserer Mitglieder hat. Als problematischer sehen wir die bevorstehende Einführung von Studiengebühren an, die die Studierenden zur Mehrarbeit in der Freizeit zwingen könnte. Im Übrigen glauben wir, dass die wirklich engagierten führung Studierenden immer Zeit für Aktivitäten bei amnesty finden werden.“
Stellungnahme des AK Bachelor der FSK: „Die Antwort scheint sonnenklar, da absehbar ist, dass im Zuge der Modularisierung nicht viel Zeit für mehr bleibt. Modularisierte Stundenpläne sollen bestenfalls bestehende Lücken und Überschneidungen verhindern, nicht jedoch Freiräume schaffen.
Der zugrunde liegenden Auffassung, das Studium sei ein Produkt und der Student primär Kunde, begegnen wir im Mozartjahr mit Sarastro: ‚Noch mehr! Er ist Mensch!‘ Als Mensch jedoch müsste es ihm möglich sein, die Universität als Lebensraum mitzugestalten.
Jüngst haben auf einer Vollversammlung eine Prorektorin und ein Dekan die Studierenden dazu aufgerufen, sich im Rahmen nicht entlohnter Bibliotheksaufsichten zu ‚engagieren‘. In mindestens einer anderen Bibliothek leisten HiWis angeordnete unbezahlte Überstunden. Es bedarf nicht erst des Bachelors, um das Ehrenamt gegen die Wand zu fahren. (Die These, dass sich hier mit Studiengebühren schon neue Möglichkeiten finden ließen, täuscht: Weder unbezahlte Hilfsdienste noch ihre Bezahlung sind neu.) Ehrenamt bedeutet nicht Lohnverzicht. Es bedeutet, sich einzubringen und einzugreifen: in Lektüre- und Theatergruppen, bei der Vertretung studentischer Interessen und in vielem, vielem mehr.
In diesem Zusammenhang verbieten sich Ideen wie die, ehrenamtliches Engagement durch ECTS-Punkte oder anders zu ‚belohnen‘. Diese ‚Abrechenbarkeit‘ produziert kein Engagement, sondern Ehrenämter, die ‚abgesessen‘ werden. Zudem müsste jemand entscheiden, was als Ehrenamt gilt. Dass eine etwaige Abrechenbarkeit in diesem Zusammenhang auch als hemmendes Zensur-Instrument wirken kann, leuchtet ein. Es gibt kein richtiges Leben im falschen.
Ehrenamt bedeutet nicht, etwas um der Anerkennung willen zu tun. Gerade angesichts des Bachelors und der mit ihm verbundenen Mentalität wird die Aufgabe, sich den Blick für die Universität als Lebensraum zu bewahren, wirklich zur Herausforderung. So gesehen war die Zeit nie besser fürs Ehrenamt.“
Jens Buchner (attac Campus, Heidelberg): „Die Verschulung des Studiums schränkt die Selbständigkeit der Studierenden sowohl in der Studien- als auch der Lebensgestaltung sehr ein. Selbständiges Arbeiten und Planung, Engagement außerhalb der Universität, eine im aufklärerischen Sinne freie Bildung und Freiheit der Lehre bleiben bedauerlicherweise auf der Strecke. Neue Benotungsmethoden, Studiengebühren und Zulassungsbeschränkungen fördern hauptsächlich die Konkurrenz unter den Studierenden, was den Eindruck erhärtet, dass es sich schlicht um eine Reform hin zum berufsbildenden Studium handelt. Welche Priorität dieses Ziel haben sollte, scheint jedoch höchst fraglich und muss in der Diskussion an erster Stelle stehen.“
Manuel Neetz (Die Rederei e.V.): „Module hin, ‚credit points‘ her – wer sich engagiert, weiß, dass es im Studium nicht allein um Fachwissen geht. Denn die viel beschworenen ‚soft skills‘ lassen sich vor allem außerhalb des Hörsaals erwerben. Nicht zuletzt schafft bei steigendem Druck gerade ein kreativer Ausgleich Abhilfe.“
Katia Rostetter (AIESEC Heidelberg): „AIESEC ist sich der Problematik, die für studentische Organisationen durch die tiefgreifende Umstrukturierung der Studiengänge in Folge des Bologna Prozesses entsteht, schon seit einigen Jahren bewusst und hat sich in Arbeitsgruppen mit dem Thema auseinandergesetzt.
Das Ergebnis ist eine konsequente Umstellung der Struktur von AIESEC, um trotzdem jedem Studenten die Möglichkeit bieten zu können, bei AIESEC mitzuarbeiten. Unsere Chance sehen wir in der vom Bologna-Prozess verlangten Berufsbefähigung der Studenten durch Ausbildung von Schlüsselkompetenzen wie Selbstmanagement, Selbstmarketing und angewandtes fachspezifisches Wissen.
Wir bieten schon seit Jahren unseren Mitgliedern eine Plattform für die Ausbildung von genau diesen Schlüsselkompetenzen und noch einigen mehr. Um unser Angebot auch weiterhin attraktiv zu halten, bemühen wir uns auf Bundesebene um die Akkreditierung der Leistungen unserer Mitglieder.
Vor dem Hintergrund, dass AIESEC und andere studentische Organisationen zu der Ausbildung, der vom Bologna-Prozess geforderten Berufsbefähigung, einen wesentlichen Beitrag leisten, wäre es zu wünschen, dass von Seiten der Hochschulen außeruniversitäres studentisches Engagement wesentlich stärker anerkannt und gefördert wird.“
Katrin Vogel (AEGEE Heidelberg): „Die Probleme mit den Bachelor- und Masterstudiengängen kennen wir bei AEGEE gut, weil all unsere Gruppen in anderen europäischen Ländern schon lange mit ihnen zu kämpfen haben.
Problematisch ist übrigens nicht nur, dass bei so vollen Stundenplänen kaum noch Zeit für Engagement außerhalb bleibt, sondern auch, dass die Studienzeit kürzer ist und die Fluktuation in der Gruppe damit noch höher als es sowieso schon unter Studenten der Fall ist.
Bei AEGEE Heidelberg gibt es zur Zeit noch genug Aktive, aber Erfahrungen mit Studenten aus Fächern mit vielen Pflichtstunden, wie zum Beispiel Medizin, machen nicht gerade optimistisch: Sie kommen am Anfang ihres Studiums zu uns, sind wirklich motiviert und engagiert, aber das Engagement nimmt im Verlauf des Semesters rapide ab.
Was ich mir für die Zukunft wünsche, ist, dass ehrenamtliche Arbeit, über die man ja durchaus wichtige Qualifikationen erwerben kann, nicht nur indirekt durch die Dozenten honoriert, sondern auch durch die Universitäten als eine besondere Form von Studienleistung anerkannt und bescheinigt wird.“
von Marcel Bertsch