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 Heidelberg
02.11.2006

Klein-Amerika in Heidelberg

Der ruprecht wirft einen Blick hinter den Kasernenzaun

Das Security-Personal an einem der Tore zur Parallelwelt spricht Englisch und Kurpfälzisch. Ohne Ausweiskontrolle darf keiner den Eingang passieren. Dennoch betreten wir nicht amerikanischen Boden: Das Gebiet in Rohrbach gehört der Bundesrepublik Deutschland, die es der US-Armee unentgeltlich zur Verfügung stellt.

Das Security-Personal an einem der Tore zur Parallelwelt spricht Englisch und Kurpfälzisch. Ohne Ausweiskontrolle darf keiner den Eingang passieren. Dennoch betreten wir nicht amerikanischen Boden: Das Gebiet in Rohrbach gehört der Bundesrepublik Deutschland, die es der US-Armee unentgeltlich zur Verfügung stellt.

Rund 55.000 US-Soldaten sind mit ihren 75.000 Familienmitgliedern in Deutschland stationiert. In Heidelberg und Umgebung sind seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs rund 6,4 Quadratkilometer vom US-Militär besiedelt. 1952 wurde zusätzlich eine NATO-Einheit gegründet, die eng mit der amerikanischen Armee zusammenarbeitet.

Bis heute haben US Army Europe, Seventh Army und die NATO-Einheit in Heidelberg ihr Hauptquartier mit ein und demselben Chef. Etwa 16.000 Menschen beschäftigt dieses Großunternehmen, darunter 4.200 Soldaten und 7.300 Angehörige.

Unser Begleiter Bruce Anderson holt uns am Tor ab und bringt uns zu Colonel Lewis Boone, Chef der Presseabteilung. Boone ist bereits zum dritten Mal in Deutschland, 1968 hat er als Zehnjähriger Antikriegsdemos in Heidelberg miterlebt.

Heute ist es ruhiger auf den Straßen. Dennoch fühlt sich der kernige Colonel in Deutschland unsicherer als in seiner Heimat. Seiner Ansicht nach leben wir in der „new reality“, deren Hauptbestandteil das weltweite Terrornetzwerk ist, weshalb auch in Rohrbach Konsequenzen gezogen wurden: Seit 2003 umgeben etwa vier Meter hohe Zäune Kasernen und Wohnblocks, selbst Spielplätze und die Kirche sind von der Umgebung abgeschnitten.

Wenn der Colonel über die Zeit nach dem 11. September spricht, dann im Brustton der Überzeugung, dass die Welt sich seither komplett verändert habe. Deutschland ist deshalb immer noch ein strategisch wichtiger Punkt in Europa, vor allem wenn es um Einsätze im Nahen Osten geht. In näherer Zukunft ist jedoch der Abzug, zumindest aus Heidelberg, geplant.
Bis 2011, so Boone, werden aus 13 deutschen Standorten vier. Unter anderem wird die Seventh Army dann nach Wiesbaden verlegt. Das verlorengegangene Gefühl der Sicherheit kann nicht nur der verstärkte Sicherheitsaufwand zurückgeben, auch die Uniform kann das.

Der 23-jährige Matthis Chiroux kommt sich in seiner Berufskleidung durchsetzungsfähiger vor als in Zivil. In die Armee ist er vor vier Jahren eingetreten, um sich später sein Studium finanzieren zu können. Wie die meisten Klein-Amerika in Heidelberg seiner Kameraden wurde er ohne Sprachkenntnisse nach Deutschland verlegt, hat hier aber Freunde gefunden, mit denen er sich ab und zu im Marstall auf ein Bier trifft.
Die Anwesenheit unseres Begleiters verleiht jeder Begegnung einen offiziellen Anstrich. Anderson verfolgt den Auftritt des Colonels und Chiroux‘ konzentriert, bereit, jederzeit zu unterbrechen. Seine Aufgabe ist, Harmonie zu stiften. Fragen nach Politischem nimmt er die Brisanz, indem er die zwischenmenschliche Seite betont.

Einige Male verschwindet er, um das Überwachungspersonal davon zu unterrichten, dass fotografiert wird. Es dürfen zwar nur strategisch unbedeutende Punkte wie der Spielplatz vor dem Haus ins Visier genommen werden, dennoch ertönt ein Warnruf aus einem Fenster: „What are you doing?“ Nach der knappen Erklärung Andersons dürfen wir dann doch knipsen.
Auch der Gottesdienst ist eine offizielle Angelegenheit. Die Mark Twain Village Chapel ist sonntags für alle Interessenten offen. Keine Security, die Ausweise bleiben in den Taschen, die Uniform im Schrank. Die zwei Welten rücken enger zusammen. Auf dem Weg zum Kaffeetrinken sagt der Kaplan Michael Strohm, er empfinde die Beziehungen zwischen Amerikanern und Deutschen in Heidelberg als „eiskalt“. Den Zaun kann man sich auch sonntags nicht so ohne weiteres wegdenken.

von Cosima Stawenow
   

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