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StudiLeben
25.11.2011
Studenten verlassen das Land Ausländische Unis schützen sich vor Ansturm deutscher Studenten Der Trend ist klar: Jahr für Jahr studieren immer mehr Deutsche im Ausland. Und das ist gewollt. Mit der Erweiterung des europäischen Hochschulraumes sollen Studenten und Wissenschaftlern die Grenzen innerhalb Europas geöffnet werden. Die Eingangshalle des Anglistischen Seminars ist so dicht besetzt wie die Buslinie 31 morgens auf dem Weg zum Uniplatz. Das kommt nur dreimal im Jahr vor: zu Beginn des Sommer- und Wintersemesters, wenn Erstis sich orientieren; und zu Beginn des Weihnachtsmarktes, wenn ernüchterte höhere Semester das Land verlassen wollen. Einige von ihnen plappern, einige schweigen, einige schauen sich ungeduldig nach der Person um, die gleich eine Liste an die Wand hängen wird. Die Liste, die die Zukunft in einem knappen Jahr voraussagen wird. Die Liste, die zeigt, ob man das nächste Wintersemester im kalten Heidelberg oder an einem vielleicht noch kälteren Ort verbringen wird. Die Liste, auf die rund 75 Anglistik-Studenten in den letzten Monaten gewartet haben. Und entweder wird ihr Name neben ihrem gewünschten Ort stehen, unterstrichen sein oder auf der Liste fehlen. Leider ist die Liste kein Plakat, das alle Studenten gleichzeitig sehen können, sondern umfasst nur ein bis zwei DIN-A4-Seiten. Ich höre die ersten Jubelschreie, sehe die ersten enttäuschten Gesichter und bekomme den Weg von jenen versperrt, die nicht wissen, ob sie nun Auswahlgespräche für den gewünschten Platz auf sich nehmen, ein weiteres Jahr warten, oder hinauf in den dritten Stock rennen sollen, um noch einen der Last-Minute-Plätze abzustauben. Zehn Füße spüre ich auf den meinen, hundert Minuten scheint mir der Gang zur Liste zu dauern und tausend Gedanken schießen mir durch den Kopf. Mein Herz klopft und ich werde mir bewusst, wie festgelegt mein Leben im nächsten Jahr sein wird – oder auch nicht. Ich suche nach Bristol, der Uni, für die ich mich beworben habe. Daneben steht mein Name: unterstrichen. Und damit gehöre ich zur letztgenannten Gruppe. Will ich nun Idealist oder Opportunist sein? Ich entschied mich für Opportunismus. Organisieren musste ich mich bis zum Tag meiner Ausreise fast nichts: die Wohnung suchte mir meine Uni in Stockholm, die Kurse konnte ich vor Ort wählen, nur den Flug musste ich selbst buchen. Als ich mit Fragezeichen in den Augen in den Flieger in Richtung Norden stieg, wusste ich noch nicht, was mir blühen würde: Schwimmen in der eiskalten Ostsee bei Sonnenaufgang, Schwierigkeiten mit dem Wohnheim, Schweinegrippe – all das nahm ich gerne für die restlichen Erfahrungen in Kauf, die ich dort sammeln sollte. Denn ich ging auf Reisen nach Lappland und in die Fjorde, in schwedischen Villen Partys feiern und lernte dabei viele Menschen, nicht nur aus Stockholm, sondern aus aller Welt kennen, und vielleicht auch eine Hand voll Freunde fürs Leben. Damals vor zwei Jahren, gehörte ich zu 115.000 deutschen Studenten, die sich für mindestens ein Semester ins Ausland wagten. Darunter waren sowohl Austauschstudenten, die mit ERASMUS oder einem anderen Stipendium nur für ein bis zwei Semester die Grenzen passierten als auch solche, die sich gleich für einen gesamten Studiengang im Ausland immatrikulierten. Doch woran liegt das? Das Statistische Bundesamt hat eine Studie zum Thema „Deutsche Studierende im Ausland“ für die Jahre 1999 bis 2011 durchgeführt. Udo Kleinegees war an der Studie beteiligt und vermutet: „Am wichtigsten bei der Entscheidung ist wohl der Numerus Clausus (NC), der in Ländern wie Österreich nicht vorhanden ist. Dadurch wirkt dieses Land zum Beispiel attraktiver, da Studenten so die Warteschlange umgehen können.“ Dies ist am häufigsten bei NC-Fächern wie Medizin und Psychologie der Fall. Auch für das Master-Studium entscheiden sich viele Studenten, ihre Heimat zu verlassen: Etwa jeder zwanzigste Bachelor geht ins Ausland. Laut einer anderen Hochschulstudie sehen 54 Prozent davon in den ausländischen Studiengängen eine bessere Studienqualität, 53 Prozent ziehen das Ausland für einen Masterstudiengang vor, der in Deutschland nicht angeboten wird. 28 Prozent haben persönliche Gründe und 8 Prozent entschließen sich dazu, weil ihre jetzige Uni Zugangs- und Zulassungsvoraussetzungen hat, denen sie nicht gerecht werden können – zum Beispiel einen zu hohen NC. Kleinegees rechnet damit, dass es jährlich immer mehr werden: „Schon allein jetzt gibt es 2,2 Millionen Studenten und anhand der Zeitreihe lässt sich ein kontinuierlicher Anstieg feststellen.“ 1999 waren es noch 50.000 Studenten, die ins Ausland gingen. Im gleichen Jahr unterzeichneten 29 europäische Bildungsminister die Bologna-Erklärung: Bis 2010 sollte es einen einheitlichen Europäischen Hochschulraum geben. Mit anderen Worten: Bachelor und Master sollen Magister und Diplom in Deutschland ablösen und dem internationalen Standard entsprechen. Die Bologna-Erklärung soll die Grenzen innerhalb Europas für Studenten und Wissenschaftler öffnen. Studenten sollen studieren können, wo auch immer es ihnen beliebt. Dies zeigte Wirkung: 2008 hatte sich die Zahl der entsprechenden Studenten auf 100.000 verdoppelt. Isabel hätte sich auch vorstellen können, ihr Studium in Deutschland fortzusetzen. Beworben hatte sie sich an sieben Unis, darunter sechs in Deutschland. Die Universität Wien reizte sie jedoch am meisten. Allerdings musste sie eine Wartezeit in Kauf nehmen: „Jeder in Deutschland bewirbt sich für den Master, noch während er die Bachelorarbeit schreibt. Die Verwaltung österreichischer Unis schaut sich deine Bewerbungsunterlagen erst an, wenn dein Zeugnis vorliegt. Du weißt also lange nicht, ob du dort überhaupt Chancen auf einen Studienplatz haben wirst.“ Vor vier Wochen hat die Vorlesungszeit in Wien begonnen. Isabel wartet noch immer auf den Zulassungsbescheid – oder vielmehr auf das Ablehnungsschreiben. „Ich hatte schon eine Wohnung gefunden. Um diese erst mal zu finden, musste ich 600 Euro für zwei Reisen nach Wien ausgeben. Zum Glück konnte ich dort bei Freunden unterkommen und mir so die Kosten für eine Herberge sparen.“ Isabels Beispiel wird vermutlich kein Einzelfall bleiben. Laut Statistischem Bundesamt „überschwemmten“ vor drei Jahren 23.000 Deutsche die Unis in Österreich. Manche Einheimische stehen dem Bewerberansturm von Deutschen skeptisch gegenüber. „Da kommen dann schon mal Sprüche wie ‚Bist du zu schlecht, um zu Hause studieren zu können?‘“, erzählt Isabel. Einige Alpenländler sähen es als Bedrohung an und befürchteten, ihnen würden Studienplätze weggenommen. Der „Überschwemmung“ durch „NC-Flüchtlinge“ will die Regierung nun Einhalt gebieten: An den Medizinischen Universitäten Wien, Graz und Innsbruck sind drei Viertel aller Studienplätze für österreichische Studenten reserviert. Auch in der Schweiz gibt es spezielle Regelungen. Dort haben die Hochschulen die Erlaubnis bekommen, Quoten und Zulassungstests für und erhöhte Studiengebühren von ausländischen Studenten einzuführen. Realisiert wurde dieses Vorhaben bereits an der Universität Sankt Gallen. Höchstens 25 Prozent aller dort eingeschriebenen Studenten dürfen aus dem Ausland kommen und ebendiese müssen auch erhöhte Studiengebühren zahlen. In Dänemark herrscht ebenso Alarmbereitschaft. Dort hat die Regierung entschieden, dass die Zahl der ausländischen Studenten in dänischen Hochschulen in Zukunft nur noch so hoch sein darf wie die Zahl der Dänen, die fürs Studium auswandern. Im Vergleich dazu: 185.000 ausländische Studenten waren letztes Jahr in deutschen Unis immatrikuliert und übertrafen damit die Zahl der deutschen Studenten, die ins Ausland gehen bei weitem. Trotzdem lässt sich Isabel von den Plänen der Unis der Nachbarländer nicht abschrecken. Für nächstes Semester wird sie sich noch einmal ihr Glück in Wien versuchen. Und mit ihr viele Deutsche mehr, denn einen Masterplatz wird es in Deutschland bekanntlich nicht für jeden Bachelorabsolventen geben. |