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 Feuilleton
29.12.2011

„Die Gegenwart nutzen“

Sozialwissenschaftler suchen neue Ansätze für ihre Disziplin

Hippies auf dem Woodstock-Festival 1969 / Foto: Derek Redmond und Paul Campbell

Die Frauenbewegung, Hippieproteste oder Antikriegs-Demonstrationen waren nur zwei Strömungen gesellschaftlicher Umwälzungen, die in den 1960er Jahren die Sozialgeschichte dazu zwang, ihre Methoden und Forschungsobjekte zu überdenken.

In einer Zeit, in der sich neue Formen von Konsum und Protest oder flexibleren Beschäftigungsverhältnissen entwickelten, fand auch die Sozialgeschichte zu neuen Fragestellungen. Diese legen allesamt den Fokus auf die Gesamtgesellschaft. So kommt es zu zahlreichen Überschneidungen mit Disziplinen wie der Wirtschaftsgeschichte, Soziologie und Politikwissenschaft.

„Sozialgeschichte – Eine Disziplin wird neu gedacht“ heißt die Heidelberger Vortragsreihe, in der sich Wissenschaftler mehrerer Universitäten mit dem Wandel, den Potenzialen und Zielen dieser Disziplin auseinandersetzen. „Um auch den neueren gesellschaftlichen Wandel wie die globale Protestaktion ,Occupy‘ erfassen zu können, ist diese Diskussion nicht nur eine intellektuelle Herausforderung, sondern hat auch praktischen Nutzen“, sagt Organisatorin Katja Patzel-Mattern, Professorin für Wirtschafts- und Sozialgeschichte in Heidelberg.

Auch theoretisch sah sich die gesamte Geisteswissenschaft in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit dem so genannten „cultural turn“ neuen Paradigmen gegenüber, die mehr interpretativ denn analytisch verfahren. Die Absage an Struktur und die Öffnung zu ambivalenten Identitätskonzepten reißt auch disziplinäre Grenzen nieder. So wurden sozialgeschichtliche Themen wie soziale Unruhen und Protest, Arbeiterbewegungen oder soziale Konflikte auch von anderen Disziplinen wie der Kulturgeschichte übernommen. Anhaltender Streit um Ausrichtung und Deutungshoheit gehört seitdem dazu.

Den Auftakt zur Vorlesungsreihe machte am 15. November schon Ravi Ahuja, Professor für moderne indische Geschichte in Göttingen. In seinem Vortrag kritisierte er die opportunistische Perspektive, die in der Sozialgeschichte üblich geworden sei. Sowohl in Europa und Amerika als auch in Indien liege der Ausgangspunkt der Fragestellungen zu oft auf nordatlantischen Problemen. 

Ahuja macht deutlich, dass die Forscher in Indien nicht nur Antworten auf europäische Fragen finden sollten. Er zeigte auch Lösungswege auf. Zum einen solle der Dialog mit den Sozialwissenschaften erneuert werden, um neue komparative Ansätze entwickeln zu können. Eine vergleichende und unterschiedliche Kulturen und Religionen einbeziehende Perspektive helfe, fruchtbare Fragestellungen zu entwickeln. Zum anderen könne der umgekehrte Blick von der Gesellschaft Indiens aus nach Europa genutzt werden, um Themen in einem anderen Licht zu sehen.

Ahuja plädiert dafür, möglichst voraussetzungsfrei an Forschungsfelder heranzugehen, um etwa mit Blick auf den heutigen Kapitalismus in Ostasien Europa als Zentrum des Kapitalismus infrage zu stellen. „Die Gegenwart nutzen, um Fragen an die Vergangenheit zu stellen,“ nennt er es. Die Vortragsreihe läuft bis zum 24. Januar 2012.

von Benjamin Weineck und Kathrin Wenz
   

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