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 Interview
09.11.2010

„Schmutziges Geschirr einfrieren“

Germanistik in Siegen machte David Werker zum Comedian

Nach acht Semestern nennt er sich noch Studienanfänger: David Werker verarbeitet seinen Unialltag zu feinster Stand-Up-Comedy. Wir trafen das Comedy-Nachwuchstalent bei seiner Lesung in der Universitätsbücherei Ziehank.

ruprecht: Wie oft warst Du im letzten Monat an der Uni?

David Werker: Wahrscheinlich zwei, drei oder vier Stunden. Ich weiß es gar nicht. Hin und wieder bin schon mal da. Ich studiere ja auf Bachelor, was früher „abgebrochen“ hieß. Irgendwann will ich auch den Master machen. 2030 ist da das Ziel.

Wieviele Seminare belegst Du dieses Semester?

Vier. Hin und wieder gehe ich auch da hin. Aber ich habe auch genug Leute, die mich auf die Anwesenheitslisten schreiben.

Hast Du bei all Deinen Auftritten noch Zeit fürs Studium?

Ja klar. Ich ziehe meine fünf Wochenstunden knallhart durch und mache nebenher Comedy.

Wieviel Zeit wendest Du fürs Studium auf?

Das fragen mich meine Eltern auch sehr oft. Ich bin zwar mehr auf der Bühne als im Hörsaal, aber das ist auch keine Kunst. Das war aber vor der Comedy auch nicht anders.

Was war dein Berufswunsch?

Topmodel, auf jeden Fall. Ich sehe jetzt nicht aus wie Brad Pitt, aber ich haben dieses ungewisse Etwas, oder besser: dieses gewisse Nichts. Das macht die Weiber total fertig.

Warum studierst du dann Germanistik?

Topmodel hat jedoch auch nicht geklappt, weshalb ich gedacht hab: Ich mache irgendwas mit Medien. Da meinte mein Vater: „Wenn du was mit Medien machen willst, dann trage Zeitungen aus!“ Dann habe ich mich für Germanistik eingeschrieben, versehentlich. Ich rate jedem bei der Einschreibung immer nüchtern zu sein. 

Nach acht Semestern nennst du dich „Studienanfänger“. Hast du schon Scheine gemacht?

Den Taxischein habe ich zur Sicherheit schon mal gemacht. Bisher habe ich schon so zwei Scheinchen gemacht. Einführung in die Literaturwissenschaften und dann nochmal Einführung in die Literaturwissenschaften, weil ich beim ersten Mal durchgefallen bin. Da hab ich echt reingehauen und spüre schon ein wenig Burn-out. 

Du studierst in Siegen und betonst immer wie hässlich es dort ist. Warum nicht in Heidelberg?

Das lag an der ZVS, der „Zentralen Vernichtungsstelle von Studententräumen“ und einem Gesamtschul-Abitur von 3,6.

In den acht Semestern hätte man die Uni wechseln können.

Ja, Siegen-Kreuztal wäre auch noch gegangen. Aber das war keine wirkliche Option.

Auf Deiner Homepage schreibst Du, dass an der Uni alles so unfassbar komisch sei. Was war das erste unfassbar komische Erlebnis?

Absurd an Siegen ist, dass ich nur fünf Kilometer von der Uni entfernt wohne und mitunter drei Stunden brauche, um auf den Berg zu kommen, wo die Uni steht. Da denkst Du, Du wärst in den Alpen, weil überall Berge sind. In Siegen wohnen 100.000 Einwohner und die Busse kommen im Winter den Berg nicht hoch.

Hattest Du vor Studienbeginn etwas anderes erwartet?

Nein. Als ich nach Siegen gegangen bin, waren meine Erwartungen bereits am Nullpunkt. Das wurde da auch eins zu eins bestätigt.

Was wäre anders gelaufen, wenn Du Deinen Traumstudienplatz bekommen hättest?

Ich hätte Siegen nie kennen gelernt. Das wäre bedauerlich gewesen, weil die Stadt viele schöne Plätze hat. Die Autobahnauffahrt Richtung Köln finde ich auf jeden Fall geil. Aber man weiß nicht, wie es gewesen wäre, wenn ich woanders gelandet wäre.

War die Hässlichkeit von Siegen ausschlaggebend für Deine Comedykarriere?

Wahrscheinlich schon, aber als Germanistikstudent ist man es gewohnt, dass die Leute über einen lachen. Das war wahrscheinlich auch ausschlaggebend. Die Stadt kam da noch hinzu.

Was sagen die Leute in Siegen dazu, dass Du Dich so über die Stadt lustig machst?

Ich lasse das dort weg. Das andere aus meinem Programm funktioniert gut in Siegen. Man muss ja auch nicht zwingend sagen: „Ihr seid Kacke!“ Das ist ein schlechter Einstieg ins Programm. Und es stimmt ja auch so nicht alles, was ich über Siegen sage. Das muss ich auch betonen: Die Leute in Siegen sind alle sehr nett. Es geht nicht um die Leute, sondern diese Architektur dort, die ein wenig missraten ist.

Wieviele Kommilitonen kennen Dich und wie viele hassen Dich wegen Deinen Sprüchen?

Mich kennen zwei und mich hassen auch diese beiden. Das kommt ziemlich genau hin.

Apropos Leute: Du hast beobachtet, dass Studentinnen ihre Texte bunt anmalen, „um ihnen Schrecken zu nehmen“.

Richtig. Da sieht das Blatt nachher aus, als wäre ein kompletter Kindergarten explodiert. Ein LSD-Trip ist ein Scheißdreck dagegen. Es ist schon sehr Wahnsinn, was die Mädels da auffahren: 20000 verschiedene Textmarker, Farben und Glitzerstifte. Ich bin da immer sehr beeindruckt.

Studieren Frauen anders als Männer?

Auf jeden Fall! Der wichtigste Unterschied ist: Frauen gehen in die Uni, Männer machen das eher nicht. Zweitens: Frauen haben immer tausend Glücksbringer dabei. Mehr als in so einem Greifautomaten auf der Kirmes. Und ich glaube, dass Frauen engagierter sind.

Wo findest Du Material für Dein Programm? Eher in der Mensa oder in Seminaren?

Da eignet sich alles gut. Auch die Orte an denen gut gelaunte Leute und Wodka-Ahoi-Brause aufeinandertreffen.

Sind Germanistikstudenten lustiger, als die anderer Fächer?  

Nein. Es gibt zu den Studenten aller Fächer bestimmte Klischees, die erstaunlich oft der Wahrheit entsprechen. Aber eins stimmt übrigens nicht: Dass alle Maschinenbauer karierte Hemden tragen. Manche tragen auch karierte Unterhosen. Jedenfalls bieten die Studenten aller Fächer Material. Egal ob das Lehrämtler oder Primi-Mäuse sind.

Welche Studenten liefern das lustigste Material?

Es gibt eine bestimmte Art Studenten, die in letzter Zeit immer häufiger an der Uni auftaucht: der Seniorenstudent. Der sitzt immer in der ersten Reihe, quatscht dazwischen und degradiert den Professor gerne mal zum Zweitredner, weil er so viele Geschichten zu erzählen hat. Der hat bereits zwei Weltkriege mitgemacht und sich jetzt mit 89 Jahren entschieden, nochmal den Bachelor angefangen. Das nennt sich Duales Studium mit Doppelherz. Die finde ich sehr lustig. Die gibt’s gerade in den Geisteswissenschaften, also auch in Germanistik.

Welche Fächer sind noch lustig?

Die BWLer und die Sozialpädagogen sind stets erstaunlich nah dran am Klischee sind.

Gehst Du lieber auf WG-Partys von BWLern oder Sozialpädagogen?

Sozialpädagogen sind auf Partys nicht zu unterschätzen! Das habe ich immer wieder festgestellt. Die sind beim Angraben noch gefährlichster als Juristen oder Sportler, bei denen man ja noch am ehesten, dass die gedanklich permanent in der Damenumkleide sind. Doch die Sozialpädagogen sind da teilweise noch krasser.

Warum?

Die labern die Mädels ewig voll, schütten sie mit mehreren Kannen Rotwein zu und suggerieren denen so eine Sicherheit: „Solange ich hier bin und Du mit mir redest, ist alles gut. Da kannst Du auch ruhig die Bluse aufmachen.“ Da haben die Damen ihre Knie schneller am Ohr, als sie „Jägermeister“ sagen können.

Hast Du Comedy-Vorbilder?

Thilo Sarrazin. Den finde ich extrem lustig. Bei dem was der Typ so erzählt, könnte ich mich jedes Mal wegschmeißen. Aber leider meint der das ja ernst. Ansonsten ist Dieter Nuhr mein großes Vorbild und auch Michael Mittermaier. Auch Atze Schröder ist ein echt super Typ.

Du schreibst auf Deiner Homepage, dass Du den Quatsch-Comedy-Nachwuchswettbewerb „versehentlich“ gewonnen hast. Wieso versehentlich?

Das war damals mein allererster Auftritt. Auf den hatte ich mich genauso gut vorbereitet, wie auf jedes Referat: gar nicht. Dementsprechend schlecht war der dann auch. Aber ich hatte Glück, dass alle anderen noch schlechter waren als ich. So habe ich dann doch noch gewonnen.

Nach Nigthwash, Mario Barth und Stefan Raab: Wo würdest Du gerne als nächstes auftreten?

Wie Mario Barth im Olympiastadion. Ich habe das schon mal Block drei, hinten links, die Herrentoilette angefragt. Ich bin mir sicher, dass wir die demnächst auch voll bekommen. Aber jetzt gehe ich erstmal mit meinem Soloprogramm auf Tour und werde auch mit Kollegen in Mixed-Shows auftreten.

Was würdest Du Studenten für ihr Studium raten?

Ganz wichtig: Nicht in Siegen studieren. Falls doch, sollte man sich das Studium dort als soziales Jahr in einem Krisengebiet anrechnen lassen. Dann wird alles gut. Und natürlich der Tipp: Schmutziges Geschirr schimmelt nicht, wenn man es einfriert. Das funktioniert immer!

Ein Gag lautet, dass schmutziges Geschirr nicht schimmelt, wenn man es einfriert. Frierst Du tatsächlich Geschirr ein?

Nicht nur Geschirr, auch Unterhosen. Man kann alles sehr schön wegfrieren.

Ist Dein Gefrierschrank größer, als Dein Kühlschrank?

Nein, aber ich war schon immer ganz gut im Tetris-Spielen. Wenn man das Zeug richtig stapelt, passt da einiges rein.

David. Vielen Dank für das Gespräch.

von Reinhard Lask und Philine Steeb
   

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