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04.05.2010:

Keine Tasse zum Trinken

Der Menstruationsbecher trifft auf Vorurteile

Bereits seit Einführung des Tampons gibt es mit der Menstruationstasse eine kostengünstigere und umweltfreundlichere Alternative. Doch sie konnte sich bis heute nicht durchsetzen. Nun versuchen Webshops die Idee neu zu vermarkten.

becher.jpgVor allem ist die Menstruationstasse eines: völlig unbekannt. Als die amerikanische Schauspielerin Leona Chalmers sie sich 1937 patentieren ließ und in ihrem Buch „The Intimate Side of a Woman‘s Life” erstmals beschrieb, war sie sich sicher, eine endgültige Lösung für die Regelblutung präsentiert zu haben. Aber nach erfolglosen Vermarktungsversuchen in den 1930er und 1960er Jahren ist der Kelch weniger als ein Nischenprodukt geblieben. 

Heute bemühen sich Onlineshops in Deutschland, Großbritannien und Frankreich um größeren Absatz, denn der Becher, versprechen sie, habe ausgemachte Vorteile gegenüber Binden und Tampons. So dauere es je nach Größe im besten Fall zwölf Stunden, bis geneigte Benutzerinnen das elastische, aus Silikon, Latex oder Elastomer hergestellte Gefäß ausleeren müssen – Tampons wechselt man häufiger, weil sie mit 6 bis 18 Gramm weniger Flüssigkeit aufnehmen als die bis zu 37 Milliliter fassende Menstruationstasse. Weiterer Vorteil: Nach dem Herausnehmen und Auswaschen setzt man die Tasse wieder ein, indem man sie zusammengedrückt in den unteren Teil der Vagina einführt, wo sie sich zur ursprünglichen Glockenform ausdehnt und das Blut auffangen soll. 

Während frau beim Gebrauch von Tampons rund 10.000 Exemplare in ihrem Leben kauft und wegwirft, muss sie die 12 (für die deutsche Version „Meluna”) bis etwa 30 Euro („Lunacup”) teure Menstruationstasse nur alle fünf bis zehn Jahre auswechseln. Das behaupten jedenfalls die Anbieter: „Das Material ist praktisch unbegrenzt haltbar“, sagt Frank Krüger, Inhaber von „Meluna“. Skeptischer ist eine Frauenärztin, die ihren Namen nicht im ruprecht lesen möchte: „Der Kunststoff vergilbt und wird selbst bei guter Pflege wohl recht bald unansehnlich.“

Zweifellos ist die Tasse jedoch wesentlich billiger und vermeidet einen Haufen Müll gegenüber den konventionellen Hygieneartikeln. Alle Shops werben deshalb mit der hervorragenden Öko-Bilanz. Die Hygiene soll über einen langen Zeitraum erhalten bleiben, indem man die Tasse nach jeder Periode und vor der ersten Verwendung in kochendem Wasser von Keimen befreit. Die Gynäkologin mag an das Umweltargument nicht recht glauben: „Tampons verursachen doch kaum Müll im Vergleich etwa zu Windeln. Umweltschutz beginnt woanders.“

Den Herstellern fallen aber noch weitere Vorteile der Menstruationstasse ein: Einige Frauen reagierten allergisch auf Bleichmittel, die in den aus Baumwollzellstoff hergestellten Binden und Tampons enthalten seien. Die Menstruationstasse hingegen sei nicht allergen. Besser noch: Krankheitserreger hätten es schwer in die Scheide einzudringen, weil im Unterschied zu Tampons der Faden fehlt, der beim Urinieren nass werden kann. Weil die Tasse dem Körper zudem keine Scheidenflüssigkeit entzieht, sei die Vaginalflora weniger anfällig für Krankheiten. Das mag die Gynäkologin unseres Vertrauens kaum glauben: „Die Scheide trocknet auch im schlimmsten Fall nur minimal aus, solange man Tampons mit der richtigen Saugfähigkeit verwendet“, sagt sie, „dass die Infektionsgefahr dadurch nennenswert erhöht wird, bezweifle ich.“

Die Nachteile der Menstruationstasse liegen auf der Hand: „Viele Mädchen haben schon Schwierigkeiten, einen Tampon richtig einzuführen, wie sollen sie dann die Menstruationstasse handhaben?“, sagt die Frauenärztin. Der Anbieter räumt ein, dass zum Einführen Gleitgel hilfreich sei. Außerdem glaubt die Ärztin, dass das Blut leicht vorbeiläuft, weil sich die Tasse im unteren Teil der Vagina nicht festsaugen kann. Einfacher zu positionieren sei selbst eine Portiokappe, um die Regelblutung aufzufangen, findet sie. Portiokappen werden ähnlich wie ein Diaphragma direkt am Muttermund getragen und saugen sich dort fest.

Auch die Infektionsgefahr hält die Frauenärztin bei der Menstruationstasse eher für höher als geringer: „Geht man davon aus, dass die Trägerin einen Tampon selten einfach in der Scheide vergisst, ist auch die Gefahr von Krankheiten wie dem durch Bakterien hervorgerufenen Toxischen Schock-Syndrom sehr gering.“ Beim Herausnehmen mit bloßen Händen auf öffentlichen Toiletten, befürchtet die Ärztin, sind Infektionen wahrscheinlicher.

Die amerikanische Gynäkologin Elizabeth Stewart beschreibt die Tasse in ihrem Standardwerk über Intimhygiene („The V-Book“, Bantam-Books, 2002) hingegen als praktisch risikofrei: „Bis heute sind keine gesundheitlichen Nachteile festgestellt worden. Die Verwendung hängt allein von den persönlichen Vorlieben ab.“ Trotz ökologischer Nachteile und höherer Kosten scheint die Vorliebe der meisten Frauen dennoch Binden und Tampons zu gelten. 

Es ist wohl die direkte Konfrontation mit den eigenen Ausscheidungen, die den Gebrauch der Menstruationstasse für viele „eklig“, peinlich oder unsauber erscheinen lässt. „Man braucht schon ein sehr positives Gefühl dem eigenen Körper und seinen Ausscheidungen gegenüber, um mit der Tasse zurechtzukommen“, glaubt die Gynäkologin. Einige Frauen halten konventionelle Hygieneprodukte sogar aus Rücksicht gegenüber anderen Menschen für die bessere Wahl. Eine Studentin: „Ich befürchte, mein Mitbewohner wäre nicht begeistert, wenn er wüsste, dass ich die Tasse regelmäßig im WG-Waschbecken ausspüle.“

So verständlich diese Bedenken sind, so offensichtlich ist auch, dass Kosmetikkonzerne davon profitieren, das positive Bild der konventionellen Produkte zu pflegen. „Niemand bewirbt etwas, das nicht ständig nachgekauft wird“, sagt Frank Krüger, der „Meluna“-Inhaber. Denn massenhafter Absatz von Binden und Tampons spült den Unternehmen mehr Geld in die Kassen, als es die Menstruationstasse je könnte.

Die Frauenärztin unseres Vertrauens glaubt nicht daran, dass wieder einmal der Kapitalismus Schuld wäre: „Auf der Homepage“, sagt sie über einen der Anbieter, „bekommt man den Eindruck, dass hier Leute ein Produkt bewerben, die keinen Schimmer haben von der weiblichen Physiognomie.“

von René Andrée   

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