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 Klecks und Klang
23.02.2010

Der Würfel zum Glück - Teil 9

Das Streben nach Perfektion: Anne-Sophie Mutter und Herbert von Karajan

Anne-Sophie Mutter, die als eine der besten Geigenvirtuosen unserer Zeit gilt, muss man kennen. Sie hat das Musikleben des ausgehenden 20. und des beginnenden 21. Jahrhunderts mitgestaltet und geprägt, nie war ihre Musik Privatsache.

„Ich glaube, ich bin gerade in der Pubertät“, hat die inzwischen 46-jährige Virtuosin Anne-Sophie Mutter vor wenigen Wochen in einem Interview mit dem Zeit-Magazin behauptet. Für eine Künstlerin, die als Dreizehnjährige die Konzertsäle der Welt eroberte, die ihre Pubertät mehr oder weniger im Rampenlicht der neugierigen Medien und eines verblüfften, nicht selten ehrfürchtigen Fachpublikums ausleben durfte, ist das eine mindestens erstaunliche Aussage. Der Jubiläumsedition der Deutschen Grammophon liegt eine von Anne-Sophie Mutters ersten Einspielungen bei, eine CD mit dem Violinkonzert D-Dur (op. 77) und dem Doppelkonzert für Violine und Cello in a-moll (op. 102) aus den Jahren 1982/83. Die junge Solistin wird von den Berliner Philharmonikern unter Leitung von Mutters Mentor Herbert von Karajan begleitet. 

Beim Hören der fast dreißig Jahre alten Aufnahmen wird nachvollziehbar, warum Kritiker an Anne-Sophie Mutter stets die „Reife“ des Klangs betonten. Während die Interpretationen der jugendlichen Geigenstars der neunziger – etwa Janine Jansen, Hilary Hahn oder Patricia Kopatchinskaja - vor Kraft und Ungestüm strotzen, voller Sturm und Drang die entfesselte Leidenschaft zur Musik feiern, entlockt die gerade volljährig gewordene Mutter ihrer Geige samtig makellose Töne, ziseliert jede Phrase mit solcher Eleganz, dass man beim Hören kaum glauben mag, dass da ein Teenager spielt. Das klingt natürlich auch 2010 noch gediegen, aber auch ein wenig altbacken. Dafür kann man zum einen Herbert von Karajan verantwortlich machen, der Zeit Lebens das Idealbild vom satten, perfekt austarierten Orchesterklang kultivierte. Zum anderen war das Publikum der ersten Hälfte der achtziger Jahre weniger in Wunderkinder und deren speziell jugendliches Spiel vernarrt, als das zur Zeit der Aufnahmen von Anne-Sophie Mutter mit den Berliner Philharmonikern unter Herbert von Karajan der Fall war.

Unerhört: Man dürfe einen Werbespot für Toilettenpapier nicht mit einem Stück Mozart Requiem hinterlegen, hat Anne-Sophie Mutter schon mehrfach in Interviews beklagt. Anders als zahlreiche Label-Manager und einige ihrer Kollegen ist Mutter nicht der Meinung, dass es der Verbreitung klassischer Musik dient, sie zu verjazzen, verrocken und als Entspannungsmedizin zu verkaufen. Menschen mit ähnlichen Befürchtungen mag das Fazit beruhigen, das Anne-Sophie Mutter aus all dem Crossover-Gequirle zieht: ein Kunstwerk wie das von Bach lässt sich nicht zerstören!

Ohrwurm der Woche: Die Klippen des ersten Satzes aus dem Doppelkonzert für Violine und Violoncellos in A-Dur (op. 102), das zweite Werk auf der CD. So viel Licht und Schatten in wenigen Minuten - und das alles mit brahms'sch vorbereiteten und musikalisch begründeten Übergängen. Wer wollte da nicht staunen?

Muss man das kennen? Anne-Sophie Mutter, die als eine der besten Geigenvirtuosen unserer Zeit gilt, muss man unbedingt kennen, denn sie hat das Musikleben des ausgehenden zwanzigsten und des beginnenden 21. Jahrhunderts mitgestaltet und geprägt. Nie war ihre Musik Privatsache: Mutter diskutiert in Interviews über das Dasein als Virtuose zwischen Glamour, Leidenschaft und dem Hang zur Perfektion. Mit ihren beiden Stiftungen setzt sie sich seit über zwanzig Jahren für die Förderung junger Streicher ein. Und jede Fotografie, die als Cover eine ihrer Einspielungen zieren darf, ist ein Spagat zwischen Pop-Art und zeitloser Eleganz.


Wer Lust auf mehr Klassik-Klassiker hat, kann beim ruprecht virtuell mithören: Auf www.ruprecht.de schreiben wir jede Woche über eine CD aus der Jubiläumsedition der Deutschen Grammophon, und klopfen dabei den Kanon der klassischen Musik nach Ohrwürmern, Unerhörtem, Eingestaubtem und Entdeckenswertem ab. Natürlich völlig subjektiv, in manchen Fällen sogar schonungslos....

von Helga Rietz
   

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