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 Klecks und Klang
17.02.2010

Der Würfel zum Glück - Teil 8

Am seidenen Faden: Martha Argerich spielt Chopins Präludien

Frédéric Chopins Klavierwerke sind eine Gratwanderung zwischen Leichtigkeit und Schwere, und gehören zum Anspruchsvollsten, was je für dieses Instrument geschrieben wurde. Martha Argerich gelingt dieser interpretatorische Drahtseilakt - lückenlos.

Frédéric Chopins Kompositionen für Klavier gehören zum technisch und interpretatorisch Anspruchsvollsten, das je für dieses Instrument geschrieben wurde: Hier müssen Pianisten ihren Weg entlang eines schmalen Grats zwischen Leichtigkeit und Schwere suchen. Schon eine Spur zu viel Dramatik und Emotion verdirbt die Etüden, Tänze und Präludien, während zu viel virtuose Geläufigkeit Chopins Stücke in blutleeres Geklapper abgleiten lässt.

Martha Argerichs Einspielung der "Préludes" gelingt dieser interpretatorische Drahtseilakt - und das lückenlos. Die Aufnahmen entstanden in den siebziger Jahren, da war Martha Argerich Mitte dreißig und ihr Triumph beim Prager Chopin-Wettbewerb, der sie an die Weltspitze der Konzertpianisten katapultiert hatte, schon zehn Jahre her. Inzwischen hat sich die argentinische Pianistin von den Solopartien verabschiedet und wirkt so gut wie ausschließlich in Kammermusikensembles und bei Klavierkonzerten mit Orchesterbegleitung mit.

Unerhört! Die grand-dame des Konzertflügels wollte eigentlich nie Pianistin sein. In einem ihrer seltenen Interviews erzählte sie, sie habe sich als knapp Dreijährige nur ans Klavier gesetzt, um einem quengelnden Spielkameraden zum Schweigen zu bringen. Der nämlich behauptete wann immer sich eine Gelegenheit dazu ergab, dass sie, Martha, das bestimmt nicht könne. Sieben Jahre später musste sie, das Wunderkind, unter Aufsicht ihres Lehrers Vincenzo Scaramuzza wöchentlich zwei Etüden von Chopin einstudieren – ein gigantisches Ausmaß an Hausaufgaben für eine Zehnjährige. Die Karriere als Virtuosin war für Martha Argerich stets ohne Alternative. Und so behauptete sie noch am Zenit ihres künstlerischen Schaffens, Klavier spielen sei „eigentlich das Einzige, was ich mehr oder weniger kann.“

Ohrwurm der Woche ist der dritte Satz von Chopins zweiter Klaviersonate, die ebenfalls auf der CD erklingt. In Martha Argerichs Händen klingt der langsame „marche funèbre“, ein Trauermarsch also, bei allem Ernst ungemein tröstlich.

Muss man das kennen? Martha Argerich ist unbestreitbar erinnerungswürdig. Chopins Klaviermusik hingegen macht mehr Spaß, wenn man sie spielt statt ihr nur zu lauschen.


Wer Lust auf mehr Klassik-Klassiker hat, beim ruprecht virtuell mithören: Auf www.ruprecht.de schreiben wir jede Woche über eine CD aus der Jubiläumsedition der Deutschen Grammophon, und klopfen dabei den Kanon der klassischen Musik nach Ohrwürmern, Unerhörtem, Eingestaubtem und Entdeckenswertem ab. Natürlich völlig subjektiv, in manchen Fällen sogar schonungslos....

von Helga Rietz
   

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