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 Feuilleton
23.12.2010

Böse Miene zum guten Spiel

Perry O‘Parson spielen Musik, die von tief drinnen kommt

Die vierköpfige Band aus Karlsruhe zeigt auf ihrem Album „Borderline & Field“, dass melancholische Musik nicht nur von gebrochenen Herzen erzählen kann. Sechs eindrucksvolle Lieder zwischen unbändiger Freude und tiefer Verzweiflung.

Die vierköpfige Band aus Karlsruhe zeigt auf ihrem Album „Borderline & Field“, dass melancholische Musik nicht nur von gebrochenen Herzen erzählen kann. Sechs eindrucksvolle Lieder zwischen unbändiger Freude und tiefer Verzweiflung.

Ein Mann. Eine Gitarre. Ein erhelltes Zimmer mitten in der Dunkelheit der Nacht. Scotch, Schachtel Kippen und ein Kopf voller Eindrücke und Melodien einer durchzechten Nacht. Textfetzen im Kopf, aufgewühltes Inneres. Alle Lieder von Perry O'Parson finden ihren Ursprung im Kinderzimmer von Sänger und Songwriter Marcel Gein im pfälzischen Erlenbach. Darauf folgen Jam-Sessions im Keller von Gitarrist Jule Bätz. „Wir brauchten nur den Keller und ein Aufnahmegerät“, so beschreibt Marcel die Anfangszeiten der vierköpfigen Band. Ganze Sommer haben sie im Untergeschoss verbracht, Punk-Klassiker nachgespielt, sich Mikroständer aus Stühlen und Panzertape gebaut, die Stimme ausgetestet – unterbrochen nur durch eine Zigarettenlänge Tageslicht. Neo-Folk, Singer/Songwriter, Emo-Rock – wie auch immer man es einordnen mag, man merkt es kommt von tief drinnen.

Die Lieder von Perry O'Parson entspringen Erlebnissen und Gedanken eines Künstlers, aus dem die Töne heraussprudeln, der einfach schreiben muss, um mit der Welt um ihn herum umgehen zu können und um zu verarbeiten. „Musik ist Medizin“ meint Marcel und trifft damit den Nagel auf den Kopf. 

Der 24-Jährige war oft alleine, als alle Freunde nach und nach wegzogen, während er blieb und eine Ausbildung zum Bankkaufmann machte. Er hat gelernt, die Stille und die Einsamkeit zu genießen. Der erste Track der EP „A Cage Full of Apes“ beschreibt das vorzüglich: der Erzähler sitzt im Freien, die Mundharmonika im Mund und betrachtet die Sterne, während die anderen drinnen feiern. Man stellt sich eine Veranda eines Farmhauses irgendwo in den Weiten der USA vor, doch es ist in der Südpfalz. „Borderline and Field“, nicht weit nach Frankreich, der Wind säuselt durch den Mais; für Marcel Gein ein Stückchen Heimat und Titel der EP.

„I never lived a life that healthy“, beginnt der zweite Track der Platte. Der Songwriter hat sich aus dem psychischen Loch ausgebuddelt, von dem das Vorgänger-Album „In our time of need“ zum Teil handelte, und schreibt weiterhin eindrucksvolle Songs. Doch der perfektionistische Anspruch an die eigenen Lieder führt manchmal dazu, sich nicht genug zu trauen und in Bekanntem und Gewohntem zu verharren. Etwas mehr Experiementierfreudigkeit hätte „Avalanche“ – und auch das Album – noch runder und prägnanter machen können. Man wünscht sich einfach mehr, wenn das Lied so schnell sein Ende findet. 

Manche Lieder klingen traurig, sind es aber nicht: wie „From here on blind“. Die rauhe Stimme, der leichte Drei-ViertelTakt und die Assoziationen der Bilder lassen einen faden Beigeschmack mitschwingen, dabei wird ein schöner Moment beschrieben. Sich treiben zu lassen, abzuschalten und die Zeit mit Freunden zu verbringen, sich durch alte Musik zu wühlen und die Lebensfreude zurückzugewinnen. Eine stetige Melancholie, ein kleiner Schuss Weltschmerz, durchzieht selbst die fröhlichsten Lieder von Perry O'Parson.

Während viele Lieder vage bleiben und dadurch zwar die Interpretationslust wecken, doch den wissbegierigen Hörer etwas ratlos dastehen lassen, wird der letzte Song der EP sehr konkret. „Ventilation“ beschreibt ein erdrückendes Thema – das Abschalten des Beatmungsgeräts bei einem Sterbenden. Blasebalgartig schiebt sich die Mundharmonika zwischen die pulsierend-gezupften Töne der Gitarre. Das Schlagzeug (Simon Günther) beschränkt sich auf minimale Percussion, die E-Gitarre (Julian Bätz) bäumt sich gegen all das zwischendurch auf. Die musikalische Umschreibung einer ethischen Frage, die Perry O'Parson eindeutig und kunstvoll beantworten. Ein Moment der absoluten Klarheit zwischen dem sonstigen Hin- und Hergerissensein.

Die eindeutige Single auf „Borderline & Field“ ist „Soulmate“. Klarer Aufbau, genau die Stimmlage von Marcel, ruhiger beständiger Bass (Danny Klippel), melancholischer Akkustiksound, mehrstimmiger Gesang und am Ende ein Glockenspiel. Eine Balanceakt zwischen bodenloser Schwäche („It's not a crime to be weak and show it completely“) und einer Ode auf die Seelenfreundschaft („So quiet and never alone, you guaranteed it to your soulmate“). Eine echte Perle. Feingeschliffen, prägnant und berührend. Die goldene Mitte der EP.

Mit dem Label „Waggle Daggle“ aus Freiburg haben die vier Jungs einen Schritt in Richtung größerer Popularität gemacht. Perry O'Parson wird oft in das Genre der amerikanischen Südstaaten-Musik eingeordnet. Leider – oder auch: zum Glück – erinnert einen manch holpriger Satz auf Englisch daran, dass man es hier mit Deutschen zu tun hat. Insgesamt ist „Borderline & Field“ ein solides Album, es zeigt das Potential einer jungen Band, die noch lange nicht am Ende seiner Möglichkeiten angekommen ist. Man traut Perry O'Parson mehr Streubreite im Hinblick auf Instrumentierung, Arrangement und Songauswahl zu, auf „Borderline & Field“ ist ein Hauch davon schon spürbar. 17 Minuten und sechs Tracks sind einfach zu wenig. Hier zeigt sich erneut, dass es es im Musikbusiness heißt: Zeit ist Geld. Jede Stunde im Studio muss bezahlt werden. Dies schlägt sich auf die Darbietung durch, ohne dass die Künstler wirklich etwas dafür könnten.

Songwriter Marcel Gein ist ein Grenzgänger zwischen Höhen und Tiefen, zwischen unbändiger Freude und tiefer Verzweiflung und lässt die Hörer durch seine Gedanken und seine kraftvolle Stimme unmittelbar daran teilhaben. Vielleicht ersetzt das neu bezogene Studenten-Zimmer von Marcel in Mannheim schon bald das alte Kinderzimmer und gibt Raum für neue und verdeckte Empfindungen, verzaubernde Melodien und musikalische Möglichkeiten. Neue Erfahrungen bringen neue Erkenntnisse. Bei Perry O'Parson fließen diese direkt in die Musik ein. „Borderline & Field“ ist hoffentlich ein weiterer, großer Schritt auf dem musikalischen Pfad der vier Pfälzer.


Borderline&Field
Waggle Daggle Records – Broken Silence Distribution
myspace.com/perryoparson

von Michael Kolain
   

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