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Lebensraum im Wandel
Nur die Vorstellung der Gäste wird moderiert – danach kommt die Show ohne Mittelsmann aus. Foto: Elisabeth Anne Fontius

Lebensraum im Wandel

„Urbane Visionen“ präsentierte in Heidelberg eine Wissensshow zur Stadtentwicklung und nachhaltigem Wohnungsbau.

Neunzig Minuten lang über Urbanisierung und Nachhaltigkeit diskutieren, da gibt es Spannenderes, denkt sich der Ein oder Andere. „Urbane Visionen“ jedoch präsentiert ein neues Wissensshow-Format: Mit dem Schwerpunkt „Stadt und Umwelt“ diskutierten die Teilnehmer am 30. November in der Alten Feuerwache Heidelberg über Themen von Aquaponik bis Zierpflanzen – das Ganze ohne Moderator, aber mit Laserpointern und Smartphone in der Hand.

Der vom Deutschen Institut für Urbanistik entworfene Bürgerdialog tourt durch die Republik. Bereits in sechs Städten fand die Veranstaltung in diesem Jahr bereits statt. Auf einer Leinwand hinter der Bühne wurden einminütige Videoclips gezeigt, die zu verschiedenen Themen Kommentare aus der Bevölkerung zeigen. Forscher stellen ihre Erkenntnisse dar, Unternehmer ihre Innovationen und Mitbürger ihre persönlichen Ansichten. Es wird deutlich: Jeder hat etwas zu sagen, keiner bleibt beim Thema Stadtentwicklung außen vor.

Auf der Bühne selbst sitzen an separaten Pulten zwei Experten aus der jeweiligen Region, am Rand der Bühne steht ein Mikrofon für Beiträge aus dem Publikum bereit. Die Laserpointer der Zuschauer werden im Laufe der Diskussion auf die Leinwand mit auswählbaren Videos oder auf die weiße Fläche neben der Person gerichtet, die man im Folgenden anhören möchte. Auch besteht die Möglichkeit der Dialogteilnahme via SMS. Die gesendete Nachricht erscheint auf der Leinwand und andere Teilnehmer können sich äußern.

Ganz dem Zeitgeist des Digitalen Jahrhunderts entsprechend wurde diese Funktion, zumindest in Heidelberg, wesentlich intensiver genutzt als die Mikrofon-Variante. Da die Videos auf Gesamt-Deutschland bezogen sind, stellten die geladenen Gäste den Bezug zur Stadt her: „Ein bisschen neidisch werde ich ja schon, wenn ich mir die Energie-Effizienz anderer Uni-Gebäude in Deutschland anschaue!“, sagte Ulrike Gerhard, Professorin am Geographischen Institut. Der zweite Gast, Lothar Eisenmann, Physiker am Institut für Energie und Umweltforschung, stimmte ihr zu: „Die Altstadt-Gebäude sollten natürlich erhalten bleiben, die Fassaden müssen allerdings wesentlich besser gedämmt werden.“

Auch wurde auf die Internationale Bauausstellung verwiesen, keine temporäre Architekturausstellung, wie der Name vermuten lässt, sondern ein einflussreiches Planungsinstrument der Stadtverwaltung Heidelberg. Seit 2012 läuft die bis 2022 geplante Langzeit-Initiative „Wissen Schafft Stadt“, die auch Möglichkeiten für studentisches Engagement bietet.

Besonders kontrovers ging es in den 90 Minuten nicht zu. Der Titel eines Videos lautete zwar „Nachhaltigkeit ist hässlich“, und eine Zuschauer-SMS fragte auch: „Ist umweltfreundliche Stadtentwicklung nicht ein Luxusproblem?“, aber empörte Äußerungen gab es nicht.

Nachdem Studenten sich jedoch zum Thema „Second-Hand-Kauf“ äußerten, kam Leben in die Menge, als Herr Eisenmann folgende Frage in den Raum stellte: „Werden Sie noch Fahrrad fahren und Second-Hand kaufen, wenn Sie sich nach ihrem Studium mit ihrem Gehalt zwei Autos und ein großes Familienhaus leisten können?“ Die zunächst zögerliche, doch dann bestimmte Antwort einer Studentin lautete: „Wir sind die neue Generation, wir gehen anders mit den Fragen der Nachhaltigkeit um, als noch unsere Eltern.“

Und da ist er: Der Hoffnungsschimmer, dass der nicht selten belächelte „Grüne Lifestyle“ nicht nur ein vorübergehender Trend ist, sondern sich die Idee vom nachhaltigen Handeln im Selbstverständnis der kommenden Generationen manifestiert. Denn für „Nach-mir-die-Sintflut“-Ansichten ist es längst zu spät. Über die Hälfte der Weltbevölkerung lebt bereits in Städten. Im Jahr 2050 werden es aller Voraussicht nach mehr als zwei Drittel sein. Die Bedeutung von Stadtplanung kann also nicht überschätzt werden. Nicht zuletzt auch deswegen, weil sie ein Musterbeispiel dafür ist, dass Forschung eben nicht, wie oft moniert, nur im Elfenbeinturm stattfindet, sondern im Lebensraum von Milliarden von Menschen weltweit täglich ihre Anwendung findet.

Von Elisabeth Anne Fontius

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