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Ausgetrunken
Wohnzimmer für einsame alte Männer oder erhaltenswerte Kultkneipe? Die „Zwitscherstube“ in der Weststadt. Bild: Michael Graupner.

Ausgetrunken

Die Weststadtkneipe „Zwitscherstube“ muss schließen. Portrait eines Heidelberger Gentrifizierungsopfers.

Die alten, einsamen Männer schweigen in ihre Gläser. Sie sitzen am Tresen und an jenem Rand der Gesellschaft, von dem man in „Berlin Alexanderplatz“ gelesen hat. Ja, so war das damals in dieser Zwitscherstube, wird man sich bald erzählen, wenn Ende Februar das letzte Glas ausgetrunken ist.

„Schon schade, dass so eine traditionelle Kneipe geschlossen wird“, sagt ein Student. Aber was solle man machen? Über den Niedergang einer älteren Kneipen- und den Aufstieg einer neuen Hipster-Kultur schreiben! Über die gastronomische Kulturindustrie schimpfen! Und über den Verlust einer echten Heidelberger Schenke fluchen! Vielleicht lieber die Stimmen derjenigen einfangen, für die hier nicht nur die heimische Stube verloren geht. Sie selbst werden aus der Stadt verdrängt. Vielleicht eröffnet sich so ein größerer Zusammenhang, an dessen Ende die Erkenntnis steht: Die Heidelberger Weststadt wird gentrifiziert.

Gentrifizierung ist ein sukzessiver Verdrängungsprozess: Neue, finanzkräftige Bevölkerungsgruppen ziehen in einem Wohnviertel mit niedrigerem Bezahlstatus zu; Wohnungen werden renoviert und auf die neuen Bürger zugeschnittene Kulturangebote geschaffen. Die Alten werden ersetzt und samt ihrer Besucher in die Peripherie verdrängt. „Aufwertung“ nenne man das in der Human- und Stadtgeographie, fasst die ortsansässige Geografin Ulrike Gerhard zusammen. Sie forscht unter anderem zur Heidelberger Stadtentwicklung. In der Folge entstehe ein „rent gap“: Investoren erkennen, dass sich mit den veränderten Straßenzügen mehr Geld verdienen lässt, als es vorher der Fall war. So steigen die Immobilienpreise.

Schlecht, wenn das zu Hause passiert. „Zu uns kamen früher einmal zwei alte Herren, die dann in der Weststadt ihre Miete nicht mehr bezahlen konnten“, erzählt man uns im „P11“, dem Café am Römerkreis unweit der Zwitscherstube. Das sei einfach traurig. Die gastronomische Nachbarschaft lässt die Köpfe hängen. Man könne ja nicht selbst zur Fußball-Kneipe werden. So etwas wie in der Zwitscherstube gebe es nicht noch einmal. „Ein Stück Weststadt geht da verloren!“, schreit uns ein alteingesessener Weststädter im „Goodfellas“ entgegen, der zufällig unser Interview mitverfolgt.

„Für viele ist das hier das zweite – oder das einzige – Wohnzimmer“, beschreibt die Studentin, die meist Bier ausschenkt, die Bedeutung der Zwitscherstube. Wer hierher kommt? „Alte, einsame Männer“, lacht sie mindestens halbironisch. Wolfi ist einer von ihnen. Er arbeitet gleich um die Ecke im „Schwarzen Peter“. Seit zwölf Jahren hat er nach Feierabend hier seinen Platz, um auf der Gästeseite des Gastronomiebetriebs abzuschalten. Wir fragen nach seiner Alternative nach der Schließung. Keine Ahnung.

Vom „sozialen Moment“ der Zwitscherstube berichten uns zwei andere Stammgäste, die trotz ihrer 20 Jahre Altersunterschied am Tresen zu Freunden geworden sind. Die Spanne reicht nicht nur vom „Arbeiter“ bis zum Unidozenten, sondern auch vom Rentner bis zum Studenten: „Wo gibt es das denn noch, dass man beim Zahlen die Kreuze auf seinem Bierdeckel zählt?“, fragt einer, der die Zwitscherstube im zweiten Semester entdeckt hat und mittlerweile im dreizehnten ist. „Was haben wir draußen beim Rauchen schon diskutiert, über Soziologie und Geschichte“, schwelgt ein Gastronom in Erinnerungen, der selbst ein anderes Publikum bewirtet. Hie und da fallen die Gäste in alkoholische Nostalgie. Man darf wohl nicht alle Geschichten wörtlich nehmen, an denen wir im Laufe des Abends teilhaben dürfen.

Vor gut zwei Wochen wurde Arthur Stillebauer, dem Pächter der Kneipe, die endgültige Entscheidung mitgeteilt: Sein Ende Februar 2016 auslaufender Vertrag wird nicht mehr verlängert. Seit 45 Jahren gibt es die Zwitscherstube, er selbst pachtet sie seit 23. Nach dem Studium ist er als Kneipier in Heidelberg geblieben. „Als ich den Laden übernommen habe, lief er schon gar nicht so schlecht“, erzählt er. „Wir haben dann immer das Bier sehr gepflegt. Dazu gab es ein oder zwei Hausgerichte – und natürlich den Fußball.“

Es gab Streit in der Erbengemeinschaft, der das Haus gehörte – die neun Wohnungen, die Buchhandlung nebenan und die Kneipe. Bei der Zwangsversteigerung haben sich die Geschwister gegenseitig hochgesteigert. Weil der Kaufpreis und damit das finanzielle Risiko sehr hoch sind, wurde die Heidelberger Volksbank mit ins Boot geholt. Zusammen mit der heutigen Hauseigentümerin ist geplant, einige der Wohnungen, die schon seit ungefähr acht Jahren leer stehen, komplett zu renovieren und zu verkaufen. Ohne Kneipe im Erdgeschoss klappt das wohl besser.
Stillebauer wollte mitbieten. „Im Juli wurde das Haus versteigert. Im August habe ich ein erstes Angebot abgegeben, um sowohl die Zwitscherstube als auch die beiden Wohnungen im ersten und zweiten Stock zu kaufen. Mir wurde aber nie ein Gespräch angeboten; ich wurde nicht einmal zurückgerufen, sondern immer wieder vertröstet. Wie es aussieht, haben die das von Anfang an ohne uns geplant.“ Auch wir fragten bei der Heidelberger Volksbank an, doch eine Antwort wurde uns nur versprochen. Auch wir wurden vertröstet.

Die Schließung der Zwitscherstube sei ein gutes Beispiel für den Heidelberger Gentrifizierungsdruck, erklärt die Geografin Gerhard. Man verbindet das Phänomen mit dem Prenzlauer Berg, mit Hamburg oder München. Das entscheidende Merkmal ist aber nicht die Größe einer Stadt. Das Charakteristikum der Gentrifizierung ist vielmehr eine besondere Beschaffenheit des Immobilienmarktes: Weder Staat noch Stadt, sondern der lokale Nachfragedruck regle den Prozess, antwortet Ulrike Gerhard auf unsere Frage, ob das in einer einigermaßen kleinen Stadt wie Heidelberg denn tatsächlich möglich sei. Die Preise in den Kulturvierteln steigen und Städte werden polarisiert, indem bestimmte soziale Komponenten in die Peripherie verdrängt und dort abgehängt werden! Jetzt klingt es doch nach jener Kritik, vor der wir uns oben selbst gewarnt haben.

Die Gentrifizierungsforschung kennt aber eine doppelte Invasion. Zuerst sind es nämlich die eher jungen, weniger wohlhabenden Leute: Künstler, Akademiker, Studenten. Mit ihrem Zuzug entstehen nicht nur neue Cafés, Kneipen und Alnatura-Märkte, sie nutzen ebenfalls bereits bestehende kulturelle Einrichtungen. „Studentification“ nennt sich das, was seit den Neunzigern existiert und klingt, als hätten es schon damals die „Red Hot Chili Peppers“ besungen.

Auch in der Zwitscherstube habe sich das Publikum geändert, überschlägt Arthur Stillebauer die Zeit: „Unsere Gäste waren schon immer gemischt. Heute kommen aber mehr Studenten als früher. Insgesamt ist es schon jünger geworden.“ Obwohl er sich also die Vorboten der Gentrifizierung ins Haus geholt hat, fehlt ihm jeder vorwurfsvolle Ton: „Uns war in erster Linie wichtig, dass wir ein angenehmes Publikum haben. Es gab hier keine Schlägereien, keine Übergriffe auf unsere Mädels und in 23 Jahren nicht eine einzige Anzeige wegen Ruhestörung.“

Zur Woge wird die zweiten Welle, die die Investoren mit sich schwemmt: Leute mit Kapitalkraft, die das Potenzial der Wohnviertel erkennen; die kaufen, renovieren, neu vermieten oder gewinnbringend weiterverkaufen. Nicht nur finanzkräftige Privatpersonen und Unternehmen wirtschaften so, auch junge Familien, die vielleicht schon als Studenten in den jeweiligen Stadtvierteln gelebt haben, verfügen über mehr Geld und verbürgerlichen nicht nur selbst, sondern auch ihre Umwelt.

So entstehen typische Nischen. In New York sind das Galerien. Die Heidelberger Weststadt hat eben andere Nuancen. „Ihr seht ja, dass das Konzept funktioniert“, weist man uns im „Familiencafé glücklich“ darauf hin, uns doch einmal umzudrehen – und fügt mit jener ehrlichen Betroffenheit an, die wir vom „hippen“ Café bis zur etablierten Kneipe in der Weststädter Nachbarschaft beobachten konnten, dass es einem von Herzen leid tue, für Arthur und eine der wenigen verbliebenen Kneipen, die ohne prätentiöses Chichi auskämen.

Steht Heidelberg ein Kneipensterben bevor? Man erinnert sich der kürzlich geschlossenen Kneipen, denkt an das „Brass Monkey“ oder das „Häll“. Timm Herre, stellvertretender Pressesprecher der Stadt, hält dagegen: Von einem „Kneipensterben“ könne keine Rede sein. Im Fall der Zwitscherstube sei die Stadtverwaltung nicht einmal über die bevorstehende Schließung informiert. Insgesamt habe die Stadt Heidelberg mit aktuell 504 konzessionierten Gaststätten ein breites Angebotsspektrum. An- und Abmeldungen hielten sich 2015 die Waage.

Der Verlust einer Kneipe wird in der Bilanz also aufgewogen, mit Familiencafés und anderen Räumen, die schließen, wenn es dunkel wird. Die Stadt sei vielmehr an einer lebendigen Gastronomieszene interessiert, so Herre weiter. Es sei zwar bedauerlich, dass alteingesessene Kneipen schließen müssten, meistens läge das jedoch bei den Gaststätten selbst.

Im Fall der Zwitscherstube liegt es aber weder an fehlender Kundschaft noch an Arthur Stillebauer, für den die Ursache feststeht: „Man will sowas hier nicht mehr haben.“ Für ihn sei die Entscheidung nach den vergeblichen Versuchen, mit der Heidelberger Volksbank ins Gespräch zu kommen, nicht überraschend gekommen; bis zuletzt gehofft habe er natürlich trotzdem. Auf die Frage, ob wie beim „Brass Monkey“ eine Petition auf die Beine gestellt werden wird, verweist er auf seine Stammkunden. Er wisse von verschiedenen Ideen. Auch Regionalzeitungen wollten berichten. „Für mich ist es wichtiger, ein Ende im Guten zu finden.“ Er könne ja auch irgendwie verstehen, dass der abendliche Kneipenbetrieb und in die Wohnungen ziehender Rauch störten.

Wie geht es für ihn in den nächsten Monaten weiter? „Ich werde versuchen, meine Studenten bei Kollegen unterzubringen. Außerdem müssen wir räumen. Die Barhocker und die Tische waren von Anfang an hier drin. Die werde ich lagern. Die ebenfalls über 40 Jahre alte Theke muss wohl auf die Mülldeponie.“

Ob er die Barhocker und Tische für eine neue Zwitscherstube lagere? „Wenn sich etwas Passendes findet, mache ich wieder eine Kneipe auf. Am liebsten in der Weststadt, weil ich hier meine Kunden habe. Für die tut es mir am meisten leid. Manche sind fast schon verzweifelt.“ Was statt der Kneipe reinkomme, wisse er nicht. „Meistens ein Starbucks?“, scherzt Ulrike Gerhard. „Vielleicht irgendetwas mit Tagesgeschäft bis achtzehn Uhr“, meint Stillebauer.

Es ist wohl kaum eine Überraschung zu erwarten. „Neuenheim und die Weststadt sind extrem durchgentrifiziert und der Nachfragedruck ist weder auf die beiden klassischen Gründerzeitviertel beschränkt noch befriedigt“, so die Geografin. Es geht also weiter, in Richtung Bergheim und der Südstadt.

Vielmehr beschleicht uns der leise Verdacht, dass es mit den Überraschungen grundsätzlich vorbei ist. Prophezeiten das nicht die großen Gesellschaftskritiker des 20. Jahrhunderts? „Kultur heute schlägt alles mit Ähnlichkeit“, liest man da. Cafés, Bars und Organic Food Stores machen ein System aus. Jede Sparte ist einstimmig in sich und alle zusammen.
Jetzt haben wir es doch getan.

Von Kai Gräf, Michael Graupner und Markus Schenzle

2 Kommentare

  1. Es ist schade, ich/wír haben in den 80/90er Jahren dort schöne Zeiten verbracht.

    Schade, dass es so gekommen ist.

    Arthur wünsche ich nur das Beste.

    Es geht weiter.

    LG Silke

  2. Man könnte verzweifelt sein! Wenn man nicht wüßte es ist unabwendbar, vielleicht doch nicht, kann der Druck von der Straße diese Entwicklung aufhalten? Um die Zwitscherstube ist es mehr als schade, drum sollte man um deren Erhalt kämpfen. Informiert bitte Alle, den Weststadtverein die Kirchen die politschen Parteien und deren Bezirksbeiräte, die Gemeinderäte der Weststadt und alle die sich mit dem Stadtteil verbunden wissen. Sollte eine Protestaktion stattfinden so informiert bitte Alle.

    in Verbitterung Norbert
    Weststadtbewohner seit 1969

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