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Pro: Weihnachten nur mit Jesus?
Jakob Mertesacker studiert Theologie und Psychologie an der Universtität Heidelberg und ist freier Mitarbeiter des ruprecht. Foto: Privat.

Pro: Weihnachten nur mit Jesus?

Die Feiertage stehen vor der Tür und damit auch der saisonale Stress. Je voller die Einkaufsläden sind, desto mehr scheint der christliche Hintergrund des Festes vergessen zu werden: Sollte Weihnachten nur als christliches Fest begangen werden?

Wer für die Betonung des christlichen Gehaltes von Weihnachten argumentieren möchte, der steht der Herausforderung gegenüber, dass die zwei Strategien, die üblicherweise in diesem Fall herangezogen werden, nicht unproblematisch sind: Erstens ist Weihnachten als religiöses Fest immanent theologisch begründet. Es steht als solches in einem religiösen Gesamtkontext, innerhalb dessen die Feier außer Frage steht. Wer bereit ist, religiöse Argumentationsmuster nachzuvollziehen, der wird sich gegen eine Säkularisierung von Weihnachten aussprechen. So waren es in den vergangenen Jahren in Birmingham gerade auch Muslime, die gegen eine Umbenennung von Weihnachten in „Lichterfest“ Position bezogen haben. Wer religiöses Argumentieren nicht nachvollziehen möchte, der wird sich von theologischen Argumenten nicht überzeugen lassen.
Der zweite häufig gegangene Weg ist die Argumentation mit der Tradition: Hier besteht jedoch die Gefahr, dass nicht der Inhalt der Tradition selbst, sondern seine Manifestationen in diversen Ausdrucksformen bis hin zu allerlei frömmelndem Kitsch religiöser und säkularer Spielart als Anlass des Festes gesehen werden. Dann wird Weihnachten zum Lichterfest, der Martinstag zum „Sonne-Mond-und-Sterne-Fest“, eine Fußball-WM zum Nationalflaggenfest und das Niederlegen von Kerzen und Blumen droht zum Volksbrauch zu werden, der von der äußerlich identischen Handlung als Ausdruck echter Trauer nicht mehr unterschieden werden kann. Symbole, die nicht mehr verstanden werden, verlieren den Bezug zu dem, für das sie stehen.

Nicht die Abschaffung oder Umbenennung von Feiertagen sollte das Ziel sein, sondern ein bewusstes Begreifen.

Habermas’ Idee, dass religiöse Gehalte in säkulare Sprache übersetzt werden können und so einen Beitrag in der Gesellschaft leisten können, müsste sich auch auf Weihnachten anwenden lassen. Die Menschwerdung Gottes, die den theologischen Kern des Festes bildet, bedeutet, dass Gott den Menschen mit all seinen Schwächen akzeptiert. Angesichts des Leides, das sich Menschen gegenseitig zufügen können, bleibt dies auch für Theologen und Gläubige ein unbegreifliches Paradoxon. Die Erfahrung, dass dieses Paradoxon jedoch eine existenzielle Betroffenheit hervorruft, verbietet es, den Kopf in den Sand zu stecken, sondern verlangt einen kreativen Umgang mit der als unausweichlich wahrgenommenen Spannung. Neben dem Entsetzen über die Gräueltaten des Menschen ist mit der Annahme des Menschen durch Gott vor allem Hoffnung und Dankbarkeit verbunden. Während Ostern die Hoffnung betont, ist Weihnachten vor allem ein Fest der Dankbarkeit – und diese ist durchaus säkular anschlussfähig, wie sich zum Beispiel in der Metaphysik Dieter Henrichs zeigt.
Wenn also Weihnachten als ein solches Fest der Dankbarkeit begriffen wird, können auch die Formen und Rituale, der Kitsch und die familiäre Besinnlichkeit einen tieferen Gehalt bekommen. Sie sind dann nicht Selbstzweck, sondern Ausdruck des universalen Dankes, den ich konkret an meine Herkunftsfamilie richte und der abstrakt einschließt, dass sich die menschliche Existenz nicht sich selbst vedankt.
Religiöse Feiertage aller Art sind also Punkte, an denen die Selbstbezüglichkeit des Menschen aufbricht. Nicht primär in ihrer Form, sondern in diesem tieferen Gehalt sind sie wertvoll. Die Schönheit und Attraktivität der Form sollten zu diesem Gehalt hinführen, um auch nachhaltig eine Bedeutung zu erhalten. Denn ein Bewusstwerden des Verdanktseins – so unscharf der Begriff und der Adressat des Dankes auch sein mögen – wird immer auch ethische Implikationen haben. Nur dann ist Weihnachten kein Add-On der Winterzeit, das man in rührseligen Stunden aus der Dekokiste holen kann.
Nicht die Abschaffung oder Umbennenung von Feiertagen sollte das Ziel sein, sondern ein bewusstes Begreifen. Ein muslimischer und – aus historischer Verantwortung – ein jüdischer Feiertag neben den säkularen und christlichen Feiertagen wären eine passendere Alternative, um Integration und gegenseitiges Verständnis zu fördern.

Von Jakob Mertesacker

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