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Schemen im Zwielicht
Bild: Annemone Taake

Schemen im Zwielicht

Am Freitag, den 10. Juli, feierte die Dance Company Nanine Linning mit „Penumbra“ Premiere bei den Schlossfestspielen.

Gegen das Licht der untergehenden Sonne, geben sich zehn Figuren ihren Impulsen hin. Bei den Heidelberger Schlossfestspielen inszenieren Tim Behren und Florian Patschovsky mit „Penumbra“ (lat.: „Halbschatten“) eine Mischung aus zeitgenössischem Tanz und Akrobatik. Im Inneren des Dicken Turmes des Schlosses, hauchen die Gastchoreographen von „The Overhead Project“ der Dance Company Nanine Linning vom Theater Heidelberg eine Menge Ambivalenz und eine Prise Wahnsinn ein.

Keiner steht für sich allein, kann sich unabhängig vom Rest seiner Umgebung entfalten. Eine Aktion provoziert unwillkürlich eine Reaktion. Wie bei einem Mobile wirkt sich die Bewegung eines Mitglieds auf die übrigen Teile des Systems aus, an einigen Stellen mehr als an anderen. Unbeweglich liegt im Zentrum eine goldene Halbkugel.

Immer wieder finden die Figuren zusammen, in trauter Vielsamkeit lächeln sie von der goldenen Kugel herab, lachen oder halten einander fest. Doch steht ihnen stets ein Anflug von Wahnsinn im Gesicht: das Lachen schrill, verkrampft das Lächeln. Dann strömen sie wieder aus, sich zu unterwerfen, zu verfolgen und sich gegenseitig in den Schatten zu stellen.

Dabei bietet das organische Spiel Raum für individuelle Projektionen. Welche Funktion erfüllt die goldene Halbkugel? Ist sie das Tor zur Außenwelt, die unablässlich glänzende Oberfläche einer innerlich verstörenden Realität? Kämpfen die Figuren um diesen Platz an der Sonne? Ein Wechselspiel aus Anziehung und Abstoßung vom bedrohlich ruhigen Pol zieht die Körper in den Bann.

Etwas scheint die Figuren untrennlich zu verbinden. Womöglich eine Familie, eine Generation, Widersacher. Oder ist es schlicht das Innenleben einer einzelnen Person, welches sich in Zerrissenheit und innerem Kampf zwischen verschiedenen Seelenzuständen ergießt? Wen oder was die Personen darstellen, kann und muss nicht eindeutig beantwortet werden. Denn ganz im Sinne des Titels – von einem Halbschatten wird physikalisch erst dann gesprochen, wenn mindestens zwei Lichtquellen vorhanden sind – vermischen erst unterschiedliche Perspektiven auf ein und dasselbe Objekt Licht und Schatten zu einer Penumbra.

Eine gute Stunde dauert das Wabern und Fließen der Bewegungen. Rhythmisch läutet der krönende Schluss ein: Die Figuren entledigen sich im Hintergrund ihrer Oberbekleidung. Hemd um Schuh fallen vor den Kulissen der Altstadt den Turm herab. Angesichts des kathartischen Rituals verharrt der Betrachter in staunender Kontemplation.

von Christina Deinsberger und Margarete Over

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